Und wieder…

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… grüßt das Murmeltier.

Nachts um halb 1. Leise ist´s auf den Stationen, die Hektik des Tages vorüber und die Kinder schlafen friedlich… nun ja, wenigstens leidlich. Sogar die Ambulanz lässt mich zufrieden, keine mehr oder weniger Notfälle, die in der Regel nun doch eher unter die zweite Kategorie fallen. Ein Schelm, der böses dabei denkt… und auch die Gynäkologen geben ausnahmsweise einmal Ruhe. So oder so. Der letzte Brief ist diktiert und nun könnte ich… ich könnte… revolutionärer Gedanke!… vielleicht einfach mal schlafen gehen! Kaum, dass ich mich an diese Vorstellung herantaste… ein Bett, quietschend, mit viel zu dünner Decke, warm und weich, kuschelig… da gellt der ohrenbetäubende Ton des Piepsers in meinen Ohren und zersägt die idyllische Imanigation des Paradieses, noch ehe sie richtig Gestalt annahm.

*seufz*

Sophie: “Hier Sophie Sternenmond, Kinderärztin im Krankenhaus vom Ende der Welt, was kann ich für sie tun?” (Frau Semmelweis, bitte Kasse 30 *flöt*)

Die Stimme am anderen Ende der Leitung gellt ebenso schrill in meinen Ohren wie der Piepser zuvor. Autsch. Eine aufgeregte Mutter ist dran… wer hätte das gedacht… und brüllt mit sich überschlagender Stimme in meinen Gehörgang: “Hier spricht Wiesenblume-Sonnenschreck. Mein Sohn ist KRANK!”

Sophie: “Sowas aber auch. Alles klar… was fehlt ihm denn?”

Frau W-S: “Also der bricht! Schon seit 10 Uhr heute abend! Und wissen sie, ich bin ja hier auf dem Land.. so richtig, wissen sie, also auf dem Dorf und die nächste Apotheke ist ja 30 km weit weg und ich habe kein Auto und überhaupt und außerdem… ” Sie unterbricht ihren Redeschwall, um einmal tief Luft zu holen, nur um anschließend umso lauter in den Hörer zu schreien. “Was mache ich denn jetzt nur?”

In meinen Ohren klingelt´s. “Nun ja… ” sag ich um Zeit zu gewinnen, während ich darauf warte, dass das Pfeifen aufhört und bete dann die üblichen Tipps hinunter. Schluckweise zu trinken anbieten (“Aber der hat doch so viel Durst!”), kein Essen (“Wie?! Nicht essen lassen? Aber der arme Junge… das geht doch nicht!”) und, da man ja anscheinend nicht an Medikamente kommt – aussitzen.

Frau W-S ist das irgendwie… unausreichend. Ich hör sie im Hintergrund kramen, während ich spreche. “Ja, aber wissen sie, davon geht das doch nicht weg! Da muss man doch was machen können… darum ruf ich sie doch an! Machen sie was!”

Sophie *langsam entnervt*: “Frau W-S, ich sitze hier in einer Klinik und sie auf dem Dorf. Ich KANN nicht mehr tun, als ich es ihnen gesagt habe. Wie alt ist ihr Sohn überhaupt?”

Frau W-S *immer noch kramend*: “Na, der ist 12.”

Jetzt schnapp ich nach Luft. Der ist 12 und bricht seit… zweieinhalb Stunden?!

Sophie *mühsam ruhig*: “Frau W-S, mit 12 Jahren darf man auch mal brechen ohne gleich gesundheitliche Schäden…”

“HA!” schreit´s da durch´s Telefon und mir fällt fast der Hörer aus der Hand. “Ich hab´s gefunden!” Ich könnte schwören, dass sie mit dem Telefon durchs Wohn- oder was auch immer Zimmer tanzt. “So Zäpfchen, die hatte ich noch vom letzten Mal. Gegen brechen… so Vom… Vom…”

“Vomex.” helfe ich aus und wische mir den Schweiß von der Stirn. Vom letzten… 12 Jahre… “Frau W-S, wann war denn das letzte Mal?”

Man hört sie denken. Im Geiste. “Na, ich denk, vor 5 oder 6 Jahren?” sagt sie dann geschäftig.

“Frau W-S…” Ich muss ein Stöhnen unterdrücken. “Wie lange sind die Zäpfchen noch haltbar?” “Na…” Ich hör die Packung rascheln, als sie sie hin und her wendet. “Hier steht´s… bis zum Dezember 2009.” Wieder eine Denkpause und dann fällt offenbar der Groschen. “WAS?! Dann kann ich die nicht geben? Und was mache ich dann? Ich wohn doch hier auf dem Dorf, so richtig auf dem Land und die nächste Apothekte ist 30 km weg und ich habe doch kein Auto und…” Geht´s dann wieder los als wäre das ihr sorgsam eingeübtes Mantra.

Das kann ich auch. Ich wiederhole also… schluckweise trinken (“Aber der Junge…”), Essen anbieten (“Aber der arme Junge…”). “Hm… meinen sie wirklich? Aber da muss es doch noch…” Weitere Diskussionen, aber Sophie ist ja geduldig. Meistens. Aber irgendwann… “Frau W-S… also…”

“Wissen sie was?” unterbricht sie mich da triumphierend. “Ich geb das Zäpfchen jetzt einfach! Danke, sie haben mir sehr geholfen!”

“Frau W-S…” sag ich noch, da tutet es schon in der Leitung. Aufgelegt. Ich starre noch auf den Hörer… eine Sekunde, dann zwei… Krankenhaus am Ende der Welt, da werden sie geholfen.

Vielleicht jetzt… Bett? Denk ich mir hoffnungsfroh und krieche schnell unter die Decke, ehe wieder was dazwischen kommt.

Aber das Schicksal, das will es manchmal anders.

To be continued…

 

Zurückgekehrt

Wieder da… Sein wollen. Den guten Willen hab ich wohl und das ist immerhin ein Anfang. Ich hoffe nicht den Weg zu gehen, den gute Vorsätze nur allzu häufig gehen… Den Weg ins Vergessen. Aber nun… Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, so heißt es doch und vielleicht finden sich doch noch einige, die die Hoffnung niemals aufgaben und immer noch ab und an hier hinein sehen.

Ein bisschen was ist passiert seit damals. Ich arbeite nun anderswo… Schon seit einer Weile. Damit einhergehend passierte das, was immer passiert in so einem Fall. Neue Gesichter, fehlende Routine, viele neue Fragen, auf die es Antworten zu finden galt. Wo finde ich was, wen rufe ich an… Wie verlaufe ich mich nicht? Nun bin ich angekommen, soweit man ankommen kann. Habe längst die ersten Dienste überstanden und festgestellt, dass sich manche Dinge doch nie ändern. Ein bisschen ist es wie nach Hause kommen… Was auch was schönes ist.

Ich hege die Hoffnung, dass es hier ähnlich sein wird… Wie ein altes, aber geliebtes Kleidungsstück, dass man mit den ersten Sonnenstrahlen aus dem Kleiderschrank holt.

In diesem Sinne… Schön, wieder hier zu sein. Auf ein Neues :) .

Mal wieder was Neues… Suchbegriffe

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ich musste ihm nach seiner blinddarm op die spritzen geben! - Feiger Hund.

zur strafe zäpfchen - Manche kommen auf Ideen…

was macht ihr nach dem fruehdienst - Das kommt so selten vor. Aber wenn, genießen, dass andere Leute zur selben Zeit frei haben. Oder Schlafen.

frühchen bekommt sepsis - Kommt vor. Leider. Ebenso wie bradykardie bei frühchen

sexgeschichten rettungswagen - Ts. Ob das wirklich so bequem ist? Andererseits… eröffnet die gefederte Trage vielleicht ganz neue Möglichkeiten *rennt weg*. Hab ich das jetzt wirklich gesagt?

neointensiv will baby nicht entlassen - Na, dann gibt´s da sicher gute Gründe für.

wächst bradykardie bei frühchen raus - Woraus? Bilder in meinem Kopf…

was heisst klingeln bei frühchen - Alarm. In der Regel. Die gibt´s häufiger mal.

was ist über haupt die erde - Fragen, die die Welt bewegen

sexgeschichten rettungsassistent - Jesses… denkt ihr denn immer nur an das Eine?

glutäugig dunkle augen - Rrrrrr!

kind hat komasaufen - Das Arme!

zittern wenn ich blut abnehmen muss! - Keine Sorge, irgendwann geht´s vorbei.

keuschheitsgürtel amme - ???

wird auch die krise immer schlimmer – daumen hoch – gebumst wird immer - *prust* Ich kann mir nicht helfen… ich hab gelacht.

mein telefon klingelt immer um mitternacht -  ausschalten hilft?

der vater vonvier töchtern geht ans telefon.eine männliche stimme meldet sich und flüstert in den hörer:” bist du es, mein kleiner geliebter frosch? - Ähm. Ja. Wilde Phantasien?

Nachtdienstzitate

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Hartz-4-TV Fernsehen im Nachtdienst. Bauer, Blondine und 21-jährige Hausfrau, lässt die Welt teilhaben an ihrer Persönlichkeit.

“Manchmal bin ich ein bisschen hohl, aber meine Freunde lieben mich trotzdem!”

Das muss wahre Freundschaft sein.

Der Mann spricht I

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Herr und Frau Sternenmond liegen gemütlich auf dem Sofa, da fängt der Mann an an meinem rechten Trizeps zu schwabbeln wackeln… und verkündet mit kleinkindlichem Vergnügen in den Augen:

“Das ist ja wie Gitarre spielen!”

Hmpf.

Wissen ist Macht

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Spätestens nächstes Jahr soll er kommen, die neueste Revolution der pränatalen Diagnostik. Von einer deutschen Firma entwickelt, gibt er die Antwort auf das Vorliegen der häufigsten Chromosomenaberrationen bei Neugeborenen während der Schwangerschaft. Der Trisomie 21.

Die Durchführung selbst wird ganz einfach sein. Der Mutter wird ein wenig Blut abgenommen und weil sich darin auch Erbgut des Kindes befindet, kann man darüber feststellen, ob mit dem Chromosomensatz des Kindes alles seine Richtigkeit hat. Aktuell noch braucht man für diese Diagnose eine Amniozentese, eine Fruchtwasseruntersuchung, die den entscheidenden Nachteil hat, dass es bei einer von 100 zu einer Fehlgeburt kommen kann.

Damit liegt der Vorteil natürlich auf der Hand. Das andere Problem bleibt. Was macht man nun mit diesem Testergebnis? Ist es nicht so, dass die meisten werdenden Eltern, die so etwas überhaupt durchführen lassen, danach auch eine endgültige Konsequenz ziehen? Warum sonst sollte man testen, wenn das Wissen im Grunde genommen nichts ändert? Kritiker des Testverfahrens fürchten eine zunehmende Stigmatisierung von behinderten Menschen, ein Betriebsunfall könnte man mit einer Prise schwarzen Humors wohl sagen. Schon jetzt enden 90% der Schwangerschaft mit Down-Syndrom in einer Abtreibung. Wie klein ist der Schritt zu einer Gesellschaft, in der derartige Dinge nicht mehr Schicksal sind… unbeeinflussbare Realität, sondern der eigenen Verantwortung obliegen? In der man schuldig ist, dass man sich sehenden Auges für ein behindertes Kind entscheidet?

Auf der anderen Seite… hat man das Recht Eltern vorzuschreiben, ob sie ein Kind mit Down-Syndrom bekommen möchten? Ob sie die Stärke besitzen einen Menschen mit Einschränkungen groß zu ziehen? Darf man Menschen einen Test versagen, der ihnen ohne das Risiko einer Fruchtwasseruntersuchung für das ungeborene Kind Informationen über Sein oder Nicht-Sein einer Krankheit gibt? Wäre es nicht gnädiger ein solches Kind abzutreiben, um ihm ein Leben mit Behinderungen zu ersparen? Immerhin gibt der Test, so wie die derzeitigen Studien laufen, eine nahezu hundertprozentige Sicherheit über Trisomie oder nicht. Haben Eltern nicht das Recht auf ein gesundes Kind?

Was meint ihr?

Laborkommunikation

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In Gedenken an die dunkle Seite der Macht ein letztliches, nächtliches Telefonat. Gewünscht vom Labor war ein IL-6, ein ganz, ganz früher Marker für bakterielle Infektionen, der noch deutlich (Anstieg nach 2-4h) vor dem gängigen CRP (Anstieg nach 6-12h) ansteigt. Für uns insbesondere in der Neonatologie von Bedeutung, weil für die Frühchen bakterielle Infektionen besonders gefährlich sind und man sie deswegen frühzeitig entdecken will.

Telefon klingelt.

Sophie: “Hier Sophie… Neointensiv.”

Laborfrau: “Hier Laborfrau… wir haben da so ein Problem mit dem Verdünner, drum meld ich mich.”

Sophie: “Verdünner??”

Laborfrau: “Ja, den fürs IL-6. Der ist defekt, also kann ich´s leider nicht bestimmen, weil das Material zu wenig war.”

Zwischendurchkommentar: Ich HASSE das. Ich meine, die Damen/Herren können ja nichts dazu, dass die Maschine so und so viel Blut braucht. Aber so ein Frühchen hat davon nicht so viel und es kann arg mühselig sein so ein paar Tropfen da raus zu quetschen. Und außerdem… muss ich so sagen… hat man manchmal den Eindruck die benötigte Menge ist weniger abhängig vom Computer, sondern variiert von Laborfrau zu Laborfrau. So wie ich das verstanden habe, kann man dann das Blut bei manchen Sachen verdünnen und dann zurückrechnen, aber das geht wohl nur mit dem ominösen Verdünnerteil.

Sophie: “Na gut… nützt ja alles nichts. Dann eben nicht.”

Laborfrau *hilfsbereit*: “Aber wenn sie wollen, können wir´s dann morgen mittag nachbestimmen.”

Ähm nein. 12 Stunden später brauch ich es dann auch nicht mehr.

Feuer frei

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Wieder Nachtdienst. Irgendwie passieren seltsame Dinge entgegen jedem Gesetz der Wahrscheinlichkeit überproportional häufig im Nachtdienst.

Auf der Station ist´s ruhig heute. Der Fernseher läuft… irgendeine uralte Wiederholung von Talktalktalk mit Sonya Kraus. Das Niveau ist zugegebenermaßen niedrig bis unterirdisch, aber ab einer gewissen Uhrzeit sinken die Ansprüche mit jeder Stunde, die vergeht. Tiefgeistiger Humor oder in den Tagstunden absolut sehenswerte Reportagen verlieren nachts einfach ihre Daseinsberechtigung. Morgen wieder. Wir sitzen zu dritt in der Küche, Sandra, Monika und ich. Birgit ist irgendwo hinten und versorgt noch eins der Kinder. Es riecht nach Kaffee und Tomatensauce. Sandra hat Nudeln von zuhause mitgebracht, die sich gerade langsam in der Mikrowelle drehen. Noch nicht einmal ein Alarm, der unsere Aufmerksamkeit erfordert.

Plötzlich… und völlig unerwartet durchbricht Geschrei die Ruhe, hallt über den Flur und lässt uns aus unseren Stühlen hochfahren. Schreien ist nie gut und mein Herz beginnt zu rasen… von ganz allein… Adrenalin, das Wundermittel in der Nacht, das es vermag, selbst aus dem müdigkeitsgeschwängertsten Gehirn innerhalb von Sekunden eine perfekt funktionierende Maschine zu machen.

“KOMMT SOFORT HER!” brüllt Birgit in einer Lautstarke, die aus dem letzten Zimmer problemlos die Küche erreicht. Wir rennen los… alle 3… im Geiste gehe ich schon die möglichen Probleme durch. Apnoe… Bradykardie… blaues Kind… krankes Kind… wo finde ich was… was muss getan werden? Schiebe im Kopf die Bausteine zu Plänen, um keine Sekunden mit Nachdenken zu verlieren, wenn jede von ihnen so unendlich wertvoll ist. Atemlos und abgehetzt erreichen wir das Zimmer, ich zuerst, ich biege um den Türrahmen… und erstarre mitten in der Bewegung, während Sandra und Monika nach rechts und links ausweichen müssen, um nicht in mich hinein zu rennen.

Birgit steht am Wärmebettchen von Henriette, ein Kind aus der ehemals 26. Schwangerschaftswoche, aber nun ist sie schon groß. Sie trägt schon einen Body, trinkt das meiste selbst und ist soweit eigentlich aus dem gröbsten raus. In der Linken hat Birgit die Füsschen des Kindes, in der Rechten ein Thermometer, das sie uns anklagend entgegen streckt. Das Thermometer ist… voll, ebenso wie Birgits Hand und Birgits Arm und Birgits Kasack vom Halssausschnitt bis zu den Hosen. Ebenso wie die Plexiglaswände des Wärmebetts, die Decken darin und die Schränke an der gegenüberliegenden Wand. Gelbbraune Sprenkel zieren den weißen Kunststoff, in der Luftlinie sicherlich einen Meter entfernt von Henriettes Bett.

Alles voll. Mit… ja, um es unfein auszudrücken… mit Kacke.

Henriette lächelt selig in ihrem Deckenhaufen, das kleine Gesicht völlig entspannt. Birgit wirkt weniger entspannt. Wir restlichen brechen in lautstarkes Gelächter aus. Birgit hingegen ist… not amused. 

Egal. Als Wiedergutmachung helfen wir beim Saubermachen… nach ausgiebiger photographischer Sicherung der Spuren des Delikts. Mal sehen, was Henriette in 15 Jahren dazu sagen wird, wenn ihre Eltern ihr die Bilder zeigen.

Vermutlich… “Ey Mama, du bist sowas von peinlich!”

Zwillingszeit

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Ausgehend vom letzten Beitrag will ich gerne zwei weitere verfassen. Der erste folgt hiermit… eine Erinnerung irgendwann vom Anfang meiner Intensivzeit. Es heißt ja immer, wir wären immer nur dabei, wenn´s schlimme Dinge zu sehen gibt und sähen als Pädiater nie, dass es auch einfach und unkompliziert geht. Auf die Masse der gesehen Geburten trifft das natürlich zu, aber ab und an geht´s glücklicherweise auch anders :-) .

Nachtdienst.

Ich erwähnte es irgendwann schon mal. Ich mag die Nacht im Krankenhaus. Wenn die Hektik gestorben, die grellen Lichter des Tages gedimmt. Wenn alles ein wenig leiser ist, keine hallenden Stimmen und klackende Absätze im Flur, keine beständig klingelnden Telefone. Wenn die Uhren langsamer laufen… die Dunkelheit vor den Fenstern uns umhüllt. Ein bisschen kann es gemütlich sein… vermutlich kaum zu glauben für Außenstehende, aber dennoch ist es so.

Nachts, zwischen den Runden, in denen die Kinder versorgt werden, sitzen wir oft in der Küche, die Schwestern und ich. Manchmal läuft der Fernseher, manchmal wird geredet… irgendwann nach Mitternacht zusammen gegessen. Ab und an klingelt ein Alarm und durchbricht die Stille, aber die Geräusche sind nicht fremd… sie gehören dazu. Nachts ist man wie auf einer von diesen kleinen Inseln und um uns herum ist die Flut. Die Welt kehrt erst am Morgen wieder zu uns zurück.

Irgendwann nach Mitternacht klingelt das Telefon. Susanne ist dran, die Gynäkologin. Die Zwillinge wären gleich soweit, ob wir dann dazu kommen. Wir wissen natürlich von ihnen. Zwillinge in der 38. Schwangerschaftswoche. Beide liegen richtig und die Mama möchte es gern spontan versuchen, als am Mittag die Wehen einsetzen. Zwillinge sind einer von diesen Sonderfällen, in denen wir dabei sein sollen… und wollen. Ich würde per se immer wollen, aber in der Regel verträgt sich das schlecht mit meiner eigenen Arbeit.

Also gehen wir, Daniela und ich. Daniela ist eine der Schwestern… wenn´s wirklich Probleme gibt, sind vier Hände besser als zwei, aber wir rechnen eigentlich mit nichts. Im Kreißsaal ist es still. Von irgendwoher hallt leise das beruhigende Tocken eines CTGs… der Takt, zu dem die Welt sich dreht. Wenigstens diese heute Nacht. Die Wände sind gelb, das Licht gedimmt. Irgendjemand hat zwei Kerzen angezündet, die auf einer der Kommoden stehen und weil es dunkel ist, tanzen Schatten durch das Zwielicht von Kreißsaal 5 wie die Flammen eines Kamins. Sonst ist es ruhig… gemütlich. Die werdende Mama liegt auf dem Bett, irgendwas Mitte 30, eine schlanke Frau mit erstaunlich entspanntem Gesicht, der werdende Vater an ihrer rechten Schulter ein wenig nervöser, aber eher freudig… so wie man Weihnachten auf das Klingeln des Glöckchens wartet. Irgendwie ist´s für ihn ja auch wie Geschenke bekommen.

Wir sagen nur leise Hallo, Sonja, die Hebamme stellt uns kurz vor, dann verschwinden wir in unsere Ecke an den Wickeltisch unter der Wärmelampe. Man mag nicht stören in diesem Augenblick, es ist halt alles… stimmig, richtig so, wie es ist und man will sich einfügen in dieses Bild aus Licht, Wärme und dem Weg, den wir nun alle gehen.

Die Mama hat eine PDA bekommen, ich seh das Katheterende auf ihrer linken Schulter liegen… was ihre entspannte Miene erklärt. Wir legen uns nebenher die vorgewärmten Handtücher zurecht, dann warten wir schweigend. Es geht ganz konzentriert, aber nicht verkrampft. Sonja weist den Weg und die Mama… geht ihn. Ich bin kein Geburtshelfer und ich kenne die Schritte nur so ungefähr, aber es dauert nicht lang, da erscheinen die ersten Haare. Der Papa streicht ihr übers Gesicht… noch eine Wehe… und dann ist Nummer 1 geboren. Ein zarter, schlanker Junge, der sofort beginnt zu schreien, als er die kühlere Luft auf seiner Haut spürt. Die Mama lächelt. Ich auch… so ganz unwillkürlich… diese Lächeln, von denen man gar nicht merkt, das sie da sind… wie hingezaubert. Der Papa lächelt auch, so debil, wie man nur von Glückshormonen lächeln kann, während er die Nabelschnur durchschneidet. Dann kriegen wir das Baby, den Papa neben uns, während die Mama zuschaut, während schon die nächste Wehe kommt.

Mark soll er heißen, sagt der Papa, während wir das Kind kurz abtrocknen und dann nur noch eben in trockene Handtücher wickeln. Auf Papas Arm macht er schon die Augen auf… dunkle, große Augen, die sich zum allerersten Mal die Welt besehen. Baby Nummer 2 ist ein Mädchen… zwillingszart und ebenso laut wie ihr Bruder ihren Unmut über das Geboren werden kund tuend. Sonja schaut kurz zu mir… darf ich… und legt sie dann der Mama auf die Brust. Ich winke Daniela zum Gehen… alles gut.. und beschaue mir dann das Glück vor meinen Augen… freue mich daran teil haben zu dürfen, wie aus einem Paar eine Familie wird. Ein bisschen klingt es ja abgedroschen, wenn vom Wunder der Geburt gesprochen wird – mein Mann verdreht regelmäßig die Augen… Männer, aber er war auch noch nicht dabei. Für mich hat es immer noch Magie, einen Zauber, der sich mit dem Verstand nicht fassen lässt… und ich mag es ihn zu spüren… mich berühren zu lassen in all unserer Professionalität. Der Sterilität einer Klinik zu entfliehen, hier inmitten von gelb und Kerzenlicht und neu begonnenem Leben.

Dem Papa reich ich die Hand… Männer sind in der Regel so, mit der Mama lächel ich… leg ihr die Hand auf die Schulter, ganz kurz. Manchmal muss man gar nicht so viel sagen. Winke Sonja und Susanne. Und dann geh ich.

Einfach so :) .

Wohin?

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Inzwischen bin ich ja in einem Alter, das eine gewisse… Fruchtbarkeit impliziert und auch wenn es bei Familie Sternenmond nichts akutes zu vermelden gibt und vermutlich auch in den nächsten Monaten nicht, habe ich es geschafft mir trotz allem ein paar soziale Kontakte zu bewahren. Und unter diesen häufen sich nun langsam aber sicher die oben genannten… die Schwangeren.

Neben allen Fragen, die man sonst so gefragt wird – und die gehen von vernünftig (“Wieviel muss das Baby denn nach der Geburt trinken?”) bis… kreativ-abstrus (“Meine Schwiegermutter hat gesagt ein Schlafplatz am Fenster ist schlecht für die innere Balance. Stimmt das?”) – gibt es eine, die mit regelmäßiger Zuverlässigkeit jedes Mal gefragt wird.

“Du bist doch vom Fach… Wo würdest du entbinden?”

Ja. Gute Frage. Generell gibt es ja heutzutage im Grunde 3 Optionen. Krankenhaus, Geburtshaus, Hausgeburt. In Deutschland wird zu ca. 98% im Krankenhaus entbunden, der Rest entfällt auf die außerklinischen Varianten. Vor- und Nachteile scheinen ja relativ offensichtlich. Die Klinik mit ihren Möglichkeiten der Maximalversorgung für Mutter und Kind, dem Sicherheitsfaktor, dem beruhigenden Wissen, dass innerhalb kürzester Zeit alles gemacht werden könnte konkuriert gegen die Ruhe zuhause, der gemütlichen Atmosphäre, dem Gefühl der selbstbestimmten Geburt auf der anderen Seite.

In den letzten 2 Jahren gab es zwei große Studien, einmal aus Kanada, einmal aus den Niederlanden. Beide kamen zu dem Schluss, dass eine außerklinische Geburt bei den Nicht-Risikoschwangeren, die überhaupt für eine außerklinische Geburt infrage kommen, ähnlich sicher ist wie die in einer Klinik. Rein objektiv gesehen spricht also nichts gegen die Entscheidung für Geburtshaus oder Hausgeburt. Ich bin natürlich kein Gynäkologe, aber die Zahlen wirken ja per se durchaus überzeugend.

Jetzt folgt wie immer meine persönliche Meinung, schließlich sind wir ja auf einem Blog und Studien lesen könnt ihr vermutlich alle selbst ;) .

Ich kann die Gedanken hinter einer Entscheidung für ein Geburtshaus durchaus nachvollziehen (eine Hausgeburt erscheint mir grundlegend seltsam, ich mag mein Kind nicht in meinem Schlafzimmer entbinden, wo bei geöffnetem Fenster die ganze Straße mitbekommt, was da gerade geht, aber das ist natürlich eine reine Geschmacksfrage). Ich mag die Vorstellung einem natürlichen Prozess den Raum einzuräumen, der ihm zusteht, der aus einer Schwangeren eine Frau und keine Patientin macht und ich glaube auch absolut daran, dass in Ruhe und mit der Möglichkeit den Dingen ihren Lauf zu lassen, fernab von der Hektik einer Klinik, eine Geburt zu einem wunderschönen Ereignis werden kann… selbstbestimmt und mit 1:1-Betreuung durch die Hebamme des Vertrauens.

Aber ich bin kein Gynäkologe, ich arbeite auf einer neonatologischen Intensivstation. Und in dieser Hinsicht bin ich ein gebranntes Kind. Mir ist völlig bewusst, dass mein eigener Eindruck natürlich subjektiv verzerrt wird durch die Tatsache, dass ich bei unzähligen Geburten in meiner Klinik nie dabei bin, eben weil alles gut geht. Dass es viel, viel mehr Geburten gibt, wo alles völlig komplikationslos vonstatten geht, als andersherum.

Und dennoch… nicht übermäßig oft, sogar selten, aber immer mal wieder passiert es dann doch. Dann kommt die Geburt, bei der eben nicht alles gut ist, obwohl doch vorher alles gut war. Bei der das Telefon klingelt und eine panische Stimme am anderen Ende nach dem Kinderarzt schreit. In der ich selbst schon sauerstoffbedürftig in den Kreißsaal stürme und da ein blaues, lebloses Kind liegt. Es gibt sie eben doch, die Notfälle, bei denen es auf Sekunden und Minuten ankommt… alles schon erlebt. In denen die Zeit, in der man im Geburtshaus auf den Rettungsdienst wartet (der ja in der Regel mit einem schwerwiegend beeinträchtigten Neugeborenen auch nichts anfangen kann) und die es dauert, bis das Kind dann schließlich zum Neonatologen gelangt, mehr als ausreicht um an Ende einen irreversiblen Hirnschaden zur Folge zu haben.

Von Seiten der Befürworter der außerklinischen Geburten lese ich ganz oft, dass solche Dinge aufgrund der besseren, individuelleren Betreuung, dem Gefühl für die Schwangere und der im Zweifel frühzeitigen Verlegung in eine Klinik deutlich seltener vorkommen und rein prinzipiell bin ich auch geneigt das zu glauben. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es erscheint mir wenigstens so nachvollziehbar, dass ich es für wahrscheinlich halte. Und dennoch. Dann mag es vielleicht nur 1 von 100.000 Kindern treffen (die Zahl ist jetzt willkürlich aus der Luft gegriffen). Wie wird es einem als Elternteil gehen, wenn dieses eine Kind das eigene ist? Wenn am Ende die Entscheidung für eine schöne Geburt außerhalb des Mühlwerks eines klinischen Kreißsaals zu Lasten des Kindes geht? Für mich wäre das ein Alptraum… wirklich. Natürlich kann eine klinische Entbindung auch keine hundertprozentige Sicherheit bieten, aber zumindest werden die Chancen für einen guten Ausgang maximiert.

Meine Antwort auf obige Frage lautet aus diesem Grund und meiner eigenen zweifellos subjektiven Erfahrung immer Klinik mit Kinderklinik. Es gibt immer noch viele Krankenhäuser, die eine Gynäkologie besitzen, aber keine Kinderklinik im Haus. Im Grunde genommen tut sich dann zum Geburtshaus auch nicht viel, denn bis das Kind dann im akuten Notfall durch einen Kinderarzt versorgt werden kann, vergeht eben so viel Zeit. Zeit, die am Ende dann den Unterschied bringen kann. Außerdem ist die Mutter im Falle einer Verlegung dann nicht beim Kind… auch nicht so schön.

Im Grunde genommen muss man sich als Eltern immer entscheiden, ob dieser letzte Rest an Sicherheit einem mehr bedeutet als ein schönes Geburtserlebnis (das es in einer Klinik ja ebenso geben kann, davon ganz abgesehen). Das soll nicht despektierlich klingen, ich bin weit davon entfernt Eltern, die sich für die außerklinische Geburt entscheiden Verantwortungslosigkeit zu unterstellen… wie gesagt… aber dennoch. Ich für mich persönlich, wenn man mich um meine Meinung bittet, kann keine andere Antwort geben.

Jetzt bin ich gespannt. Wie seht ihr das :) ? Hat jemand von euch im Geburtshaus oder zuhause entbunden und was waren eure Gedanken dazu? Oder warum habt ihr euch für die Klinik entschieden? Und am Ende noch… wie war´s denn dann?

Ich bin ganz neugierig auf Antworten :) .

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