Blickwinkel

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Jacky. Eigentlich Jacqueline, aber das mag sie nicht und auf RTLII nannte sich die eine auch so… also warum nicht. Ist schließlich ziemlich viel cooler, wie sie mir erklärt, als sie mit ihrem Bärchenshirt vor mir im Bett sitzt. Es passt viel besser zu ihren 12 Jahren als Jacky… aber was weiß ich schon.

Jacky und ich, wir kennen uns schon ganz gut, immerhin ist sie nicht zum ersten Mal da. So wüst wie heute sieht sie allerdings sonst nicht aus… 12-jährigen stehen blaue Augen nicht und auch keine geschwollene Wange oder Kratzer auf den Armen. Nein, nicht das, was ihr nun denkt… keine Prügelei. Jacky hat Epilepsie und weil das bei ihr in vielerlei Hinsicht ein bisschen schwierig ist mit den Medikamenten, hat sie in der Schule einen Anfall gehabt. “So richtig einen.” belehrt sie mich, während sie mir ihre Prellungen zur Begutachtung zeigt, aber ihre Augen schauen traurig. “Und alle haben es gesehen?” hake ich vorsichtig nach und sie nickt. Beschämt… Kinder können so gemein sein. Psycho nennen sie sie und Spasti, dabei möchte sie doch eigentlich nur gemocht werden… vielleicht nicht die Klassenqueen, aber zumindest eine Freundin haben.

Ihre Mutter kommt ans Bett und nimmt sie in den Arm, beschützt sie vor den Worten, die Wunden schlagen können, macht, dass die Traurigkeit verschwindet…

Ach nein, doch nicht. Jackys Mutter ist nicht da. Jacky ist nämlich nicht allein zuhause. Da gibt´s noch Kevin und Justin und Chantal und Cheyenne und das Baby Jerome. Außerdem noch Lucky und Sweety, aber das sind die beiden Hunde… nicht die Geschwister. Und darum ist das mit der elterlichen Anwesenheit manchmal ein wenig… schwierig. Anfangs habe ich Jacky mal nach ihrem Vater gefragt. Der ist nicht da, hat sie nur gesagt und sonst nichts mehr. Manchmal kommt trotzdem ein Mann mit… Mamas Neuer, hat sie nur gesagt und sonst nichts mehr.

Mamas Neuer hat Jackys Mutter noch mal jung gemacht… oder wenigstens dafür gesorgt, dass sie jung sein möchte… vielleicht nicht um jeden Preis, aber doch um viel. Nun sind die Haare lila, die Kleidung von Orsay und weil Orsay kein XXXL verkauft auch um einige Nummern zu klein. Sie macht´s glücklich, Jacky nicht so sehr, aber momentan ist Mamas Neuer Nummer 1. Vor Jacky.

“Wissen se, die Jacky is echt mal so schwierig.” hat Frau Schulte geseufzt und sich gedankenverloren den Stringtanga wieder richtig positioniert. “Ständig provoziert se und is frech zu meinem Freund.” Kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich werfe einen kurzen Blick zu ihrem Macka hinüber. Klein, dürr, mit einem fadenscheinigen Bart, der ihn älter machen soll, als er ist… mich erinnert er an ein Wiesel. “Gar nich mehr zu gebrauchen.” spricht Jackys Mama derweil weiter und schüttelt demonstrativ den Kopf. “Ab mittachs isse nur noch zugange. Hört gannich mehr.” Ich seh sie an, während hinter ihr mit lautem Getöse erst ein Bauklotzturm in sich zusammen fällt und gleichzeitig lautes Geschrei los bricht, weil Chantalle Justin mit einem Holzauto auf den Kopf gehauen hat… ihr Macka steht derweil in einem Zimmereck und schaut zu, als sei das das neueste, lang erwartete Kapitel der neuen Reality-Soap auf ihrem Lieblingssender. Nur angucken, nicht eingreifen. Ich hör auch nichts mehr.

“Frau Schulte…” sag ich betont vorsichtig. “Jacky ist ein besonderes Kind…” “Ja, weiß ich doch.” unterbricht sie mich und stößt mit dem Fuß den MaxiCosi an, damit Jerome-Baby wieder aufhört zu brüllen. “Wissen se, ich hab sie ja auch lieb. Aber manchma, da isses halt… schwierig.” Sie seufzt wieder und als sie mich anblickt, schaut sie müde aus.  Aber in ihren Augen liegt tatsächlich etwas, das von Wahrheit spricht… und Liebe. “Frau Schulte…” sag ich wieder. “Wir haben die Blutwerte von Jacky bekommen und es sieht so aus, als habe sie ihre Medikamente in letzter Zeit nicht so häufig bekommen, wie sie sollte.” “Was?” fährt sie auf und Jerome fängt wieder an zu schreien. “Wollen se mia jetz unterstellen, ich wär zu doof, um Chantalle der ihre Tabletten zu geben?” Ich hebe die Hände… abwehrend… und schüttele den Kopf. Sie hält inne und guckt zu ihrem Macka hinüber. “Ey, sach ma… hasse der Jacky die Tabletten gegeben?” Er dreht den Kopf und schaut sie aus trüben, blassblauen Augen an. “Weiß ich doch nich…” Er zuckt die Schultern.

Ich schaue ihnen zu. Es hat etwas surreales, wie sie da sitzen… stehen und drum herum das Chaos tobt. Nicht, dass ich diese Szene das erste Mal beobachtet hätte… und täglich grüßt das Murmeltier. Die letzten Male war es ähnlich. Jacky kommt herüber und nimmt wortlos das Baby aus dem MaxiCosi, das sofort aufhört zu weinen. Ganz zärtlich ist sie zu ihm, streichelt über den Kopf und geht wortlos mit ihm wieder zu ihrem Bett hinüber. “Frau Schulte…” sage ich ein drittes Mal. “Wir müssen uns jetzt überlegen, was wir machen können. So kann das wirklich nicht mehr weiter gehen.” “Und was wollense jetzt machen?” fragt sie und ihre Augen werden plötzlich schmal vor Misstrauen. “Ey, nich wahr… sie wollen nicht die Heinis vom Jugendamt… nee!” Das letzte Wort brüllt sie mir ins Gesicht und ich schaue unbeeindruckt zurück. Jetzt gilt´s. “Doch.” “Wie könnense… sie… sie….” Immer Stimme wird immer lauter, nur um sich am Ende zu überschlagen. “Ich hab ihnen vertraut!”

Ich schüttele den Kopf, aber irgendwo tief drinnen schmerzt es doch. “Frau Schulte, ich will ihnen ihr Kind nicht weg nehmen, aber wir müssen…” “Jacky geht nich wech! Niemals!” schreit sie und Jacky legt das Baby weg und kommt auf ihre Mutter zugelaufen. “Ich möchte nicht weg.” flüstert sie und ihre Stimme bildet einen seltsamen Gegensatz zu der ihrer Mutter. “Mama… ich möchte bei dir bleiben.” Sie schaut zu mir hoch, die Augen ganz groß und in ihnen glitzern Tränen. “Ich will nicht weg… ich will bei Mama bleiben.” Frau Schulte zieht ihre Tochter in ihre Arme. Es ist das erste Mal, dass ich das so sehe. Jacky, die geradezu um die Zuneigung ihrer Mutter bettelt und ihre Mutter, die nicht fähig ist, ihr genau das zu geben, was sie braucht… geliebt zu werden. Manche Dinge könnten so einfach sein… und sind´s dann doch nicht.

“Frau Schulte…” ein viertes Mal. “Das Jugendamt soll Jacky nicht weg nehmen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass das mit ihrer Krankheit klappt. Es ist gefährlich so… das sehen sie doch…?” Eine halbe Frage, die in meinen Worten mitschwingt. Ganz so sicher bin ich mir nicht. “Nein! Nein! Nein! Niemand kommt mir in meine Wohnung. Niemand! Sie ist fuchsteufelswild mittlerweile, das Gesicht hochrot schiebt sie ihre Tochter wieder beiseite, hält dann plötzlich inne. “Was passiert, wenn ich nich zustimme?”

Ich schweige einen langen Augenblick lang. “Dann wird das Jugendamt sie ihnen weg nehmen… über kurz oder lang.”

Frau Schulte starrt mich an… lange, lange, dann geht sie wortlos davon. In meinen Ohren klingt leise Jackys Weinen. “Ich möchte nicht… bitte….” schluchzt sie leise und schaut mich ihrem nassen Gesicht mit dem blauen Auge an.

Richtig… oder falsch? Manchmal ist es doch nicht ganz so einfach.

Mein erster Award…

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Und ich hab ihn fast verpennt! Wie peinlich… also versuche ich mich mal am Fragen beantworten. Wer 10 Dinge, die er schon immer mal über mich wissen wollte, erfahren will, möge an dieser Stelle weiter lesen, die anderen eher… nicht ;-) .

 

11 Dinge über mich:

1. Kaffee! Mit viel Milch und Zucker und am liebsten süßes, überzogen teueres Zeugs von der großen Kaffeekette mit S. Jedes Mal nehme ich mir vor den Laden zu boykottieren und jedes Mal werde ich wieder schwach. Ich sollte es eigentlich lassen… aber es ist doch so gut fürs gute Gewissen!

2. Ich mag Winter lieber als Sommer, Herbst lieber als Frühling. Nichts geht über Nebel, gemütliche Dunkelheit und Kerzenlicht… nachts im Bett zu liegen und dem Regen zu zuhören, der gegen die Scheiben trommelt. Wer braucht da schon Sommer und 35°… wobei… diesen Sommer brauch ich´s auch. Muss Vitamin-D-Mangel sein. Bestimmt.

3. Früh aufstehen ist unnatürlich. Ganz… unnatürlich. Wenn es nicht so sozial inkompatibel wäre, würde ich nur im Spät- und Nachtdienst arbeiten.

4. Ja, ich habe Shades of Grey gelesen. Als Urlaubslektüre am Strand. Dafür war´s gut genug…. für alles andere eher weniger. Innere Göttin, Unterbewusstsein und die Muskeln im Unterleib, die sich regelhaft zusammen ziehen, gehören definitiv zu den Unwörtern des Jahres.

5. Ich verabscheue Hausarbeiten, aber liebe gleichzeitig Stricken und Nähen. Nichts geht über das Klackern von Stricknadeln vor dem Fernseher.

6. Als Kind wollte ich immer fliegen können. Als Erwachsene auch noch… nur ist mir die Unwahrscheinlichkeit dieses Vorhabens bewusster als damals.

7. Der Mann ist der Meinung, ich schmatze beim Kauen. Dabei sind es nur meine Kiefergelenke, die knacken… meine ich zumindest. Das kann nur böse Unterstellung sein!

8. Ich bin ein handwerklicher Noob, obwohl ich Frühchenvenen punktieren kann. Der Bohrer ist ein Feind… aber ich bin ja auch kein Mann. Klischee ahoi!

9. Am Strand muss eine Hand immer den Sand fühlen, wenn ich auf dem Handtuch liege. Überhaupt… lieber Strand als Meer.

10. Früher fand ich Hörbücher doof. Jetzt hör ich sie mit wahrer Liebe.

 

10 Fragen von Machermama an mich:

1. Wie bist du auf die Idee gekommen zu Bloggen?

Erst hab ich gelesen… und noch mehr gelesen… und dann mit Beginn des PJs das Bedürfnis entwickelt Dinge in Worte zu fassen. Für mich ist es hilfreich Sachen aufzuschreiben, die mich beschäftigen, weil es mir hilft mich zu sortieren… und wohlmöglich ist es ja für den ein oder anderen zufällig noch interessant, als dachte ich… warum nicht gleich als Blog :) .

2. Wenn du nur ein Buch auf der Welt für die Nachwelt retten könntest während alle anderen zerstört werden. Welches würdest du retten?

Hm… schwierig. Es gäbe so viel, was mir gefällt. Aber vermutlich den “Herr der Ringe”. Kaum ein Buch hat mich so geprägt wie dieses.

3. Wenn du eine Sache in deinem Leben ändern könntest, was wäre das?

Hm… einige davon geschlichene Freundschaften nicht enden lassen. Eine OP nicht gehabt haben. Aber ich schaue selten zurück… lieber nach vorn. Es lässt sich ja doch nichts ändern und warum unglücklich sein über vergangenes, wenn ich mich auch an der Zukunft freuen kann.

4. Wenn du eine Sache auf der Welt ändern könntest das nichts direkt mit dir oder deinem Umfeld zu tun hat. Was wäre das?

Den verrückten Radikalen begreiflich machen, wie verrückt sie sind. Es will mir einfach nicht in den Kopf, warum Menschen nicht verstehen, dass Probleme sich nicht durch drauf hauen lösen lassen, dass die anderen auch nicht anders sind als sie selbst… und dass man die auf diese Weise vergeudete Kraft so wunderbar in sinnvolles investieren könnte.

5. Wenn du Kinder hast, hast du sie dir SO vorgestellt bzw das Leben mit ihnen? Wenn du keine Kinder hast, wie stellst du dir das Leben mit Kindern vor?

Noch hab ich keine, aber ich möchte durchaus gern :) . Ansonsten… müde, stressig, anstrengend… und wunderschön :) .

6. Eis oder Schokolade?

Schoki! Aber Eis ist auch völlig adäquat.

7. Was wäre wenn du ab dieser Sekunde 4 Wochen nicht mehr ins Internet könntest? (Auch nirgend wo anders)

Ich wäre entzügig. Dann ginge es vermutlich, wenn der ärgste Suchtdruck vorbei ist ;) .

8. Was würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen? Nur so viel wie du selbst tragen kannst!

Bei Frau Solanum las ich von einer Wunschmaschine. Hervorragende Idee… die muss ich klauen.

9. Wie lange glaubst du, würdest du es aushalten ohne durch zu drehen, alleine auf einer einsamen Insel?

Vermutlich nicht sehr lange. Ich bin im tiefsten Inneren meiner Seele ein Stadtkind. Für den Urlaub ist Idylle ja ganz schön, aber nach 2 Wochen ist es dann auch gut.

10. Auf wen könntest du am wenigsten in deinem Leben verzichten?

Den Mann da, der sich gerade mir gegenüber in einer löchrigen Bananenboxershorts und einem T-Shirt aus Schulzeiten auf dem Sofa fläzt. Manchmal fragt man sich doch, womit man das verdient hat ;)

11. Auf was könntest du am wenigsten in deinem Leben verzichten?

Kaffee!

Soweit, so gut. Ich belass es erstmal dabei bis ich kreativ genug bin, mir eigene Fragen auszudenken. Aber immerhin wäre Teil 1 dann damit erledigt :) .

Und wieder…

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… grüßt das Murmeltier.

Nachts um halb 1. Leise ist´s auf den Stationen, die Hektik des Tages vorüber und die Kinder schlafen friedlich… nun ja, wenigstens leidlich. Sogar die Ambulanz lässt mich zufrieden, keine mehr oder weniger Notfälle, die in der Regel nun doch eher unter die zweite Kategorie fallen. Ein Schelm, der böses dabei denkt… und auch die Gynäkologen geben ausnahmsweise einmal Ruhe. So oder so. Der letzte Brief ist diktiert und nun könnte ich… ich könnte… revolutionärer Gedanke!… vielleicht einfach mal schlafen gehen! Kaum, dass ich mich an diese Vorstellung herantaste… ein Bett, quietschend, mit viel zu dünner Decke, warm und weich, kuschelig… da gellt der ohrenbetäubende Ton des Piepsers in meinen Ohren und zersägt die idyllische Imanigation des Paradieses, noch ehe sie richtig Gestalt annahm.

*seufz*

Sophie: “Hier Sophie Sternenmond, Kinderärztin im Krankenhaus vom Ende der Welt, was kann ich für sie tun?” (Frau Semmelweis, bitte Kasse 30 *flöt*)

Die Stimme am anderen Ende der Leitung gellt ebenso schrill in meinen Ohren wie der Piepser zuvor. Autsch. Eine aufgeregte Mutter ist dran… wer hätte das gedacht… und brüllt mit sich überschlagender Stimme in meinen Gehörgang: “Hier spricht Wiesenblume-Sonnenschreck. Mein Sohn ist KRANK!”

Sophie: “Sowas aber auch. Alles klar… was fehlt ihm denn?”

Frau W-S: “Also der bricht! Schon seit 10 Uhr heute abend! Und wissen sie, ich bin ja hier auf dem Land.. so richtig, wissen sie, also auf dem Dorf und die nächste Apotheke ist ja 30 km weit weg und ich habe kein Auto und überhaupt und außerdem… ” Sie unterbricht ihren Redeschwall, um einmal tief Luft zu holen, nur um anschließend umso lauter in den Hörer zu schreien. “Was mache ich denn jetzt nur?”

In meinen Ohren klingelt´s. “Nun ja… ” sag ich um Zeit zu gewinnen, während ich darauf warte, dass das Pfeifen aufhört und bete dann die üblichen Tipps hinunter. Schluckweise zu trinken anbieten (“Aber der hat doch so viel Durst!”), kein Essen (“Wie?! Nicht essen lassen? Aber der arme Junge… das geht doch nicht!”) und, da man ja anscheinend nicht an Medikamente kommt – aussitzen.

Frau W-S ist das irgendwie… unausreichend. Ich hör sie im Hintergrund kramen, während ich spreche. “Ja, aber wissen sie, davon geht das doch nicht weg! Da muss man doch was machen können… darum ruf ich sie doch an! Machen sie was!”

Sophie *langsam entnervt*: “Frau W-S, ich sitze hier in einer Klinik und sie auf dem Dorf. Ich KANN nicht mehr tun, als ich es ihnen gesagt habe. Wie alt ist ihr Sohn überhaupt?”

Frau W-S *immer noch kramend*: “Na, der ist 12.”

Jetzt schnapp ich nach Luft. Der ist 12 und bricht seit… zweieinhalb Stunden?!

Sophie *mühsam ruhig*: “Frau W-S, mit 12 Jahren darf man auch mal brechen ohne gleich gesundheitliche Schäden…”

“HA!” schreit´s da durch´s Telefon und mir fällt fast der Hörer aus der Hand. “Ich hab´s gefunden!” Ich könnte schwören, dass sie mit dem Telefon durchs Wohn- oder was auch immer Zimmer tanzt. “So Zäpfchen, die hatte ich noch vom letzten Mal. Gegen brechen… so Vom… Vom…”

“Vomex.” helfe ich aus und wische mir den Schweiß von der Stirn. Vom letzten… 12 Jahre… “Frau W-S, wann war denn das letzte Mal?”

Man hört sie denken. Im Geiste. “Na, ich denk, vor 5 oder 6 Jahren?” sagt sie dann geschäftig.

“Frau W-S…” Ich muss ein Stöhnen unterdrücken. “Wie lange sind die Zäpfchen noch haltbar?” “Na…” Ich hör die Packung rascheln, als sie sie hin und her wendet. “Hier steht´s… bis zum Dezember 2009.” Wieder eine Denkpause und dann fällt offenbar der Groschen. “WAS?! Dann kann ich die nicht geben? Und was mache ich dann? Ich wohn doch hier auf dem Dorf, so richtig auf dem Land und die nächste Apothekte ist 30 km weg und ich habe doch kein Auto und…” Geht´s dann wieder los als wäre das ihr sorgsam eingeübtes Mantra.

Das kann ich auch. Ich wiederhole also… schluckweise trinken (“Aber der Junge…”), Essen anbieten (“Aber der arme Junge…”). “Hm… meinen sie wirklich? Aber da muss es doch noch…” Weitere Diskussionen, aber Sophie ist ja geduldig. Meistens. Aber irgendwann… “Frau W-S… also…”

“Wissen sie was?” unterbricht sie mich da triumphierend. “Ich geb das Zäpfchen jetzt einfach! Danke, sie haben mir sehr geholfen!”

“Frau W-S…” sag ich noch, da tutet es schon in der Leitung. Aufgelegt. Ich starre noch auf den Hörer… eine Sekunde, dann zwei… Krankenhaus am Ende der Welt, da werden sie geholfen.

Vielleicht jetzt… Bett? Denk ich mir hoffnungsfroh und krieche schnell unter die Decke, ehe wieder was dazwischen kommt.

Aber das Schicksal, das will es manchmal anders.

To be continued…

 

Zurückgekehrt

Wieder da… Sein wollen. Den guten Willen hab ich wohl und das ist immerhin ein Anfang. Ich hoffe nicht den Weg zu gehen, den gute Vorsätze nur allzu häufig gehen… Den Weg ins Vergessen. Aber nun… Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, so heißt es doch und vielleicht finden sich doch noch einige, die die Hoffnung niemals aufgaben und immer noch ab und an hier hinein sehen.

Ein bisschen was ist passiert seit damals. Ich arbeite nun anderswo… Schon seit einer Weile. Damit einhergehend passierte das, was immer passiert in so einem Fall. Neue Gesichter, fehlende Routine, viele neue Fragen, auf die es Antworten zu finden galt. Wo finde ich was, wen rufe ich an… Wie verlaufe ich mich nicht? Nun bin ich angekommen, soweit man ankommen kann. Habe längst die ersten Dienste überstanden und festgestellt, dass sich manche Dinge doch nie ändern. Ein bisschen ist es wie nach Hause kommen… Was auch was schönes ist.

Ich hege die Hoffnung, dass es hier ähnlich sein wird… Wie ein altes, aber geliebtes Kleidungsstück, dass man mit den ersten Sonnenstrahlen aus dem Kleiderschrank holt.

In diesem Sinne… Schön, wieder hier zu sein. Auf ein Neues :) .

Mal wieder was Neues… Suchbegriffe

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ich musste ihm nach seiner blinddarm op die spritzen geben! - Feiger Hund.

zur strafe zäpfchen - Manche kommen auf Ideen…

was macht ihr nach dem fruehdienst - Das kommt so selten vor. Aber wenn, genießen, dass andere Leute zur selben Zeit frei haben. Oder Schlafen.

frühchen bekommt sepsis - Kommt vor. Leider. Ebenso wie bradykardie bei frühchen

sexgeschichten rettungswagen - Ts. Ob das wirklich so bequem ist? Andererseits… eröffnet die gefederte Trage vielleicht ganz neue Möglichkeiten *rennt weg*. Hab ich das jetzt wirklich gesagt?

neointensiv will baby nicht entlassen - Na, dann gibt´s da sicher gute Gründe für.

wächst bradykardie bei frühchen raus - Woraus? Bilder in meinem Kopf…

was heisst klingeln bei frühchen - Alarm. In der Regel. Die gibt´s häufiger mal.

was ist über haupt die erde - Fragen, die die Welt bewegen

sexgeschichten rettungsassistent - Jesses… denkt ihr denn immer nur an das Eine?

glutäugig dunkle augen - Rrrrrr!

kind hat komasaufen - Das Arme!

zittern wenn ich blut abnehmen muss! - Keine Sorge, irgendwann geht´s vorbei.

keuschheitsgürtel amme - ???

wird auch die krise immer schlimmer – daumen hoch – gebumst wird immer - *prust* Ich kann mir nicht helfen… ich hab gelacht.

mein telefon klingelt immer um mitternacht -  ausschalten hilft?

der vater vonvier töchtern geht ans telefon.eine männliche stimme meldet sich und flüstert in den hörer:” bist du es, mein kleiner geliebter frosch? - Ähm. Ja. Wilde Phantasien?

Wissen ist Macht

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Spätestens nächstes Jahr soll er kommen, die neueste Revolution der pränatalen Diagnostik. Von einer deutschen Firma entwickelt, gibt er die Antwort auf das Vorliegen der häufigsten Chromosomenaberrationen bei Neugeborenen während der Schwangerschaft. Der Trisomie 21.

Die Durchführung selbst wird ganz einfach sein. Der Mutter wird ein wenig Blut abgenommen und weil sich darin auch Erbgut des Kindes befindet, kann man darüber feststellen, ob mit dem Chromosomensatz des Kindes alles seine Richtigkeit hat. Aktuell noch braucht man für diese Diagnose eine Amniozentese, eine Fruchtwasseruntersuchung, die den entscheidenden Nachteil hat, dass es bei einer von 100 zu einer Fehlgeburt kommen kann.

Damit liegt der Vorteil natürlich auf der Hand. Das andere Problem bleibt. Was macht man nun mit diesem Testergebnis? Ist es nicht so, dass die meisten werdenden Eltern, die so etwas überhaupt durchführen lassen, danach auch eine endgültige Konsequenz ziehen? Warum sonst sollte man testen, wenn das Wissen im Grunde genommen nichts ändert? Kritiker des Testverfahrens fürchten eine zunehmende Stigmatisierung von behinderten Menschen, ein Betriebsunfall könnte man mit einer Prise schwarzen Humors wohl sagen. Schon jetzt enden 90% der Schwangerschaft mit Down-Syndrom in einer Abtreibung. Wie klein ist der Schritt zu einer Gesellschaft, in der derartige Dinge nicht mehr Schicksal sind… unbeeinflussbare Realität, sondern der eigenen Verantwortung obliegen? In der man schuldig ist, dass man sich sehenden Auges für ein behindertes Kind entscheidet?

Auf der anderen Seite… hat man das Recht Eltern vorzuschreiben, ob sie ein Kind mit Down-Syndrom bekommen möchten? Ob sie die Stärke besitzen einen Menschen mit Einschränkungen groß zu ziehen? Darf man Menschen einen Test versagen, der ihnen ohne das Risiko einer Fruchtwasseruntersuchung für das ungeborene Kind Informationen über Sein oder Nicht-Sein einer Krankheit gibt? Wäre es nicht gnädiger ein solches Kind abzutreiben, um ihm ein Leben mit Behinderungen zu ersparen? Immerhin gibt der Test, so wie die derzeitigen Studien laufen, eine nahezu hundertprozentige Sicherheit über Trisomie oder nicht. Haben Eltern nicht das Recht auf ein gesundes Kind?

Was meint ihr?

Laborkommunikation

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In Gedenken an die dunkle Seite der Macht ein letztliches, nächtliches Telefonat. Gewünscht vom Labor war ein IL-6, ein ganz, ganz früher Marker für bakterielle Infektionen, der noch deutlich (Anstieg nach 2-4h) vor dem gängigen CRP (Anstieg nach 6-12h) ansteigt. Für uns insbesondere in der Neonatologie von Bedeutung, weil für die Frühchen bakterielle Infektionen besonders gefährlich sind und man sie deswegen frühzeitig entdecken will.

Telefon klingelt.

Sophie: “Hier Sophie… Neointensiv.”

Laborfrau: “Hier Laborfrau… wir haben da so ein Problem mit dem Verdünner, drum meld ich mich.”

Sophie: “Verdünner??”

Laborfrau: “Ja, den fürs IL-6. Der ist defekt, also kann ich´s leider nicht bestimmen, weil das Material zu wenig war.”

Zwischendurchkommentar: Ich HASSE das. Ich meine, die Damen/Herren können ja nichts dazu, dass die Maschine so und so viel Blut braucht. Aber so ein Frühchen hat davon nicht so viel und es kann arg mühselig sein so ein paar Tropfen da raus zu quetschen. Und außerdem… muss ich so sagen… hat man manchmal den Eindruck die benötigte Menge ist weniger abhängig vom Computer, sondern variiert von Laborfrau zu Laborfrau. So wie ich das verstanden habe, kann man dann das Blut bei manchen Sachen verdünnen und dann zurückrechnen, aber das geht wohl nur mit dem ominösen Verdünnerteil.

Sophie: “Na gut… nützt ja alles nichts. Dann eben nicht.”

Laborfrau *hilfsbereit*: “Aber wenn sie wollen, können wir´s dann morgen mittag nachbestimmen.”

Ähm nein. 12 Stunden später brauch ich es dann auch nicht mehr.

Feuer frei

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Wieder Nachtdienst. Irgendwie passieren seltsame Dinge entgegen jedem Gesetz der Wahrscheinlichkeit überproportional häufig im Nachtdienst.

Auf der Station ist´s ruhig heute. Der Fernseher läuft… irgendeine uralte Wiederholung von Talktalktalk mit Sonya Kraus. Das Niveau ist zugegebenermaßen niedrig bis unterirdisch, aber ab einer gewissen Uhrzeit sinken die Ansprüche mit jeder Stunde, die vergeht. Tiefgeistiger Humor oder in den Tagstunden absolut sehenswerte Reportagen verlieren nachts einfach ihre Daseinsberechtigung. Morgen wieder. Wir sitzen zu dritt in der Küche, Sandra, Monika und ich. Birgit ist irgendwo hinten und versorgt noch eins der Kinder. Es riecht nach Kaffee und Tomatensauce. Sandra hat Nudeln von zuhause mitgebracht, die sich gerade langsam in der Mikrowelle drehen. Noch nicht einmal ein Alarm, der unsere Aufmerksamkeit erfordert.

Plötzlich… und völlig unerwartet durchbricht Geschrei die Ruhe, hallt über den Flur und lässt uns aus unseren Stühlen hochfahren. Schreien ist nie gut und mein Herz beginnt zu rasen… von ganz allein… Adrenalin, das Wundermittel in der Nacht, das es vermag, selbst aus dem müdigkeitsgeschwängertsten Gehirn innerhalb von Sekunden eine perfekt funktionierende Maschine zu machen.

“KOMMT SOFORT HER!” brüllt Birgit in einer Lautstarke, die aus dem letzten Zimmer problemlos die Küche erreicht. Wir rennen los… alle 3… im Geiste gehe ich schon die möglichen Probleme durch. Apnoe… Bradykardie… blaues Kind… krankes Kind… wo finde ich was… was muss getan werden? Schiebe im Kopf die Bausteine zu Plänen, um keine Sekunden mit Nachdenken zu verlieren, wenn jede von ihnen so unendlich wertvoll ist. Atemlos und abgehetzt erreichen wir das Zimmer, ich zuerst, ich biege um den Türrahmen… und erstarre mitten in der Bewegung, während Sandra und Monika nach rechts und links ausweichen müssen, um nicht in mich hinein zu rennen.

Birgit steht am Wärmebettchen von Henriette, ein Kind aus der ehemals 26. Schwangerschaftswoche, aber nun ist sie schon groß. Sie trägt schon einen Body, trinkt das meiste selbst und ist soweit eigentlich aus dem gröbsten raus. In der Linken hat Birgit die Füsschen des Kindes, in der Rechten ein Thermometer, das sie uns anklagend entgegen streckt. Das Thermometer ist… voll, ebenso wie Birgits Hand und Birgits Arm und Birgits Kasack vom Halssausschnitt bis zu den Hosen. Ebenso wie die Plexiglaswände des Wärmebetts, die Decken darin und die Schränke an der gegenüberliegenden Wand. Gelbbraune Sprenkel zieren den weißen Kunststoff, in der Luftlinie sicherlich einen Meter entfernt von Henriettes Bett.

Alles voll. Mit… ja, um es unfein auszudrücken… mit Kacke.

Henriette lächelt selig in ihrem Deckenhaufen, das kleine Gesicht völlig entspannt. Birgit wirkt weniger entspannt. Wir restlichen brechen in lautstarkes Gelächter aus. Birgit hingegen ist… not amused. 

Egal. Als Wiedergutmachung helfen wir beim Saubermachen… nach ausgiebiger photographischer Sicherung der Spuren des Delikts. Mal sehen, was Henriette in 15 Jahren dazu sagen wird, wenn ihre Eltern ihr die Bilder zeigen.

Vermutlich… “Ey Mama, du bist sowas von peinlich!”

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