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… grüßt das Murmeltier.

Nachts um halb 1. Leise ist´s auf den Stationen, die Hektik des Tages vorüber und die Kinder schlafen friedlich… nun ja, wenigstens leidlich. Sogar die Ambulanz lässt mich zufrieden, keine mehr oder weniger Notfälle, die in der Regel nun doch eher unter die zweite Kategorie fallen. Ein Schelm, der böses dabei denkt… und auch die Gynäkologen geben ausnahmsweise einmal Ruhe. So oder so. Der letzte Brief ist diktiert und nun könnte ich… ich könnte… revolutionärer Gedanke!… vielleicht einfach mal schlafen gehen! Kaum, dass ich mich an diese Vorstellung herantaste… ein Bett, quietschend, mit viel zu dünner Decke, warm und weich, kuschelig… da gellt der ohrenbetäubende Ton des Piepsers in meinen Ohren und zersägt die idyllische Imanigation des Paradieses, noch ehe sie richtig Gestalt annahm.

*seufz*

Sophie: „Hier Sophie Sternenmond, Kinderärztin im Krankenhaus vom Ende der Welt, was kann ich für sie tun?“ (Frau Semmelweis, bitte Kasse 30 *flöt*)

Die Stimme am anderen Ende der Leitung gellt ebenso schrill in meinen Ohren wie der Piepser zuvor. Autsch. Eine aufgeregte Mutter ist dran… wer hätte das gedacht… und brüllt mit sich überschlagender Stimme in meinen Gehörgang: „Hier spricht Wiesenblume-Sonnenschreck. Mein Sohn ist KRANK!“

Sophie: „Sowas aber auch. Alles klar… was fehlt ihm denn?“

Frau W-S: „Also der bricht! Schon seit 10 Uhr heute abend! Und wissen sie, ich bin ja hier auf dem Land.. so richtig, wissen sie, also auf dem Dorf und die nächste Apotheke ist ja 30 km weit weg und ich habe kein Auto und überhaupt und außerdem… “ Sie unterbricht ihren Redeschwall, um einmal tief Luft zu holen, nur um anschließend umso lauter in den Hörer zu schreien. „Was mache ich denn jetzt nur?“

In meinen Ohren klingelt´s. „Nun ja… “ sag ich um Zeit zu gewinnen, während ich darauf warte, dass das Pfeifen aufhört und bete dann die üblichen Tipps hinunter. Schluckweise zu trinken anbieten („Aber der hat doch so viel Durst!“), kein Essen („Wie?! Nicht essen lassen? Aber der arme Junge… das geht doch nicht!“) und, da man ja anscheinend nicht an Medikamente kommt – aussitzen.

Frau W-S ist das irgendwie… unausreichend. Ich hör sie im Hintergrund kramen, während ich spreche. „Ja, aber wissen sie, davon geht das doch nicht weg! Da muss man doch was machen können… darum ruf ich sie doch an! Machen sie was!“

Sophie *langsam entnervt*: „Frau W-S, ich sitze hier in einer Klinik und sie auf dem Dorf. Ich KANN nicht mehr tun, als ich es ihnen gesagt habe. Wie alt ist ihr Sohn überhaupt?“

Frau W-S *immer noch kramend*: „Na, der ist 12.“

Jetzt schnapp ich nach Luft. Der ist 12 und bricht seit… zweieinhalb Stunden?!

Sophie *mühsam ruhig*: „Frau W-S, mit 12 Jahren darf man auch mal brechen ohne gleich gesundheitliche Schäden…“

„HA!“ schreit´s da durch´s Telefon und mir fällt fast der Hörer aus der Hand. „Ich hab´s gefunden!“ Ich könnte schwören, dass sie mit dem Telefon durchs Wohn- oder was auch immer Zimmer tanzt. „So Zäpfchen, die hatte ich noch vom letzten Mal. Gegen brechen… so Vom… Vom…“

„Vomex.“ helfe ich aus und wische mir den Schweiß von der Stirn. Vom letzten… 12 Jahre… „Frau W-S, wann war denn das letzte Mal?“

Man hört sie denken. Im Geiste. „Na, ich denk, vor 5 oder 6 Jahren?“ sagt sie dann geschäftig.

„Frau W-S…“ Ich muss ein Stöhnen unterdrücken. „Wie lange sind die Zäpfchen noch haltbar?“ „Na…“ Ich hör die Packung rascheln, als sie sie hin und her wendet. „Hier steht´s… bis zum Dezember 2009.“ Wieder eine Denkpause und dann fällt offenbar der Groschen. „WAS?! Dann kann ich die nicht geben? Und was mache ich dann? Ich wohn doch hier auf dem Dorf, so richtig auf dem Land und die nächste Apothekte ist 30 km weg und ich habe doch kein Auto und…“ Geht´s dann wieder los als wäre das ihr sorgsam eingeübtes Mantra.

Das kann ich auch. Ich wiederhole also… schluckweise trinken („Aber der Junge…“), Essen anbieten („Aber der arme Junge…“). „Hm… meinen sie wirklich? Aber da muss es doch noch…“ Weitere Diskussionen, aber Sophie ist ja geduldig. Meistens. Aber irgendwann… „Frau W-S… also…“

„Wissen sie was?“ unterbricht sie mich da triumphierend. „Ich geb das Zäpfchen jetzt einfach! Danke, sie haben mir sehr geholfen!“

„Frau W-S…“ sag ich noch, da tutet es schon in der Leitung. Aufgelegt. Ich starre noch auf den Hörer… eine Sekunde, dann zwei… Krankenhaus am Ende der Welt, da werden sie geholfen.

Vielleicht jetzt… Bett? Denk ich mir hoffnungsfroh und krieche schnell unter die Decke, ehe wieder was dazwischen kommt.

Aber das Schicksal, das will es manchmal anders.

To be continued…

 

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