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Wieder Nachtdienst. Irgendwie passieren seltsame Dinge entgegen jedem Gesetz der Wahrscheinlichkeit überproportional häufig im Nachtdienst.

Auf der Station ist´s ruhig heute. Der Fernseher läuft… irgendeine uralte Wiederholung von Talktalktalk mit Sonya Kraus. Das Niveau ist zugegebenermaßen niedrig bis unterirdisch, aber ab einer gewissen Uhrzeit sinken die Ansprüche mit jeder Stunde, die vergeht. Tiefgeistiger Humor oder in den Tagstunden absolut sehenswerte Reportagen verlieren nachts einfach ihre Daseinsberechtigung. Morgen wieder. Wir sitzen zu dritt in der Küche, Sandra, Monika und ich. Birgit ist irgendwo hinten und versorgt noch eins der Kinder. Es riecht nach Kaffee und Tomatensauce. Sandra hat Nudeln von zuhause mitgebracht, die sich gerade langsam in der Mikrowelle drehen. Noch nicht einmal ein Alarm, der unsere Aufmerksamkeit erfordert.

Plötzlich… und völlig unerwartet durchbricht Geschrei die Ruhe, hallt über den Flur und lässt uns aus unseren Stühlen hochfahren. Schreien ist nie gut und mein Herz beginnt zu rasen… von ganz allein… Adrenalin, das Wundermittel in der Nacht, das es vermag, selbst aus dem müdigkeitsgeschwängertsten Gehirn innerhalb von Sekunden eine perfekt funktionierende Maschine zu machen.

„KOMMT SOFORT HER!“ brüllt Birgit in einer Lautstarke, die aus dem letzten Zimmer problemlos die Küche erreicht. Wir rennen los… alle 3… im Geiste gehe ich schon die möglichen Probleme durch. Apnoe… Bradykardie… blaues Kind… krankes Kind… wo finde ich was… was muss getan werden? Schiebe im Kopf die Bausteine zu Plänen, um keine Sekunden mit Nachdenken zu verlieren, wenn jede von ihnen so unendlich wertvoll ist. Atemlos und abgehetzt erreichen wir das Zimmer, ich zuerst, ich biege um den Türrahmen… und erstarre mitten in der Bewegung, während Sandra und Monika nach rechts und links ausweichen müssen, um nicht in mich hinein zu rennen.

Birgit steht am Wärmebettchen von Henriette, ein Kind aus der ehemals 26. Schwangerschaftswoche, aber nun ist sie schon groß. Sie trägt schon einen Body, trinkt das meiste selbst und ist soweit eigentlich aus dem gröbsten raus. In der Linken hat Birgit die Füsschen des Kindes, in der Rechten ein Thermometer, das sie uns anklagend entgegen streckt. Das Thermometer ist… voll, ebenso wie Birgits Hand und Birgits Arm und Birgits Kasack vom Halssausschnitt bis zu den Hosen. Ebenso wie die Plexiglaswände des Wärmebetts, die Decken darin und die Schränke an der gegenüberliegenden Wand. Gelbbraune Sprenkel zieren den weißen Kunststoff, in der Luftlinie sicherlich einen Meter entfernt von Henriettes Bett.

Alles voll. Mit… ja, um es unfein auszudrücken… mit Kacke.

Henriette lächelt selig in ihrem Deckenhaufen, das kleine Gesicht völlig entspannt. Birgit wirkt weniger entspannt. Wir restlichen brechen in lautstarkes Gelächter aus. Birgit hingegen ist… not amused. 

Egal. Als Wiedergutmachung helfen wir beim Saubermachen… nach ausgiebiger photographischer Sicherung der Spuren des Delikts. Mal sehen, was Henriette in 15 Jahren dazu sagen wird, wenn ihre Eltern ihr die Bilder zeigen.

Vermutlich… „Ey Mama, du bist sowas von peinlich!“

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