Zwillingszeit

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Ausgehend vom letzten Beitrag will ich gerne zwei weitere verfassen. Der erste folgt hiermit… eine Erinnerung irgendwann vom Anfang meiner Intensivzeit. Es heißt ja immer, wir wären immer nur dabei, wenn´s schlimme Dinge zu sehen gibt und sähen als Pädiater nie, dass es auch einfach und unkompliziert geht. Auf die Masse der gesehen Geburten trifft das natürlich zu, aber ab und an geht´s glücklicherweise auch anders 🙂 .

Nachtdienst.

Ich erwähnte es irgendwann schon mal. Ich mag die Nacht im Krankenhaus. Wenn die Hektik gestorben, die grellen Lichter des Tages gedimmt. Wenn alles ein wenig leiser ist, keine hallenden Stimmen und klackende Absätze im Flur, keine beständig klingelnden Telefone. Wenn die Uhren langsamer laufen… die Dunkelheit vor den Fenstern uns umhüllt. Ein bisschen kann es gemütlich sein… vermutlich kaum zu glauben für Außenstehende, aber dennoch ist es so.

Nachts, zwischen den Runden, in denen die Kinder versorgt werden, sitzen wir oft in der Küche, die Schwestern und ich. Manchmal läuft der Fernseher, manchmal wird geredet… irgendwann nach Mitternacht zusammen gegessen. Ab und an klingelt ein Alarm und durchbricht die Stille, aber die Geräusche sind nicht fremd… sie gehören dazu. Nachts ist man wie auf einer von diesen kleinen Inseln und um uns herum ist die Flut. Die Welt kehrt erst am Morgen wieder zu uns zurück.

Irgendwann nach Mitternacht klingelt das Telefon. Susanne ist dran, die Gynäkologin. Die Zwillinge wären gleich soweit, ob wir dann dazu kommen. Wir wissen natürlich von ihnen. Zwillinge in der 38. Schwangerschaftswoche. Beide liegen richtig und die Mama möchte es gern spontan versuchen, als am Mittag die Wehen einsetzen. Zwillinge sind einer von diesen Sonderfällen, in denen wir dabei sein sollen… und wollen. Ich würde per se immer wollen, aber in der Regel verträgt sich das schlecht mit meiner eigenen Arbeit.

Also gehen wir, Daniela und ich. Daniela ist eine der Schwestern… wenn´s wirklich Probleme gibt, sind vier Hände besser als zwei, aber wir rechnen eigentlich mit nichts. Im Kreißsaal ist es still. Von irgendwoher hallt leise das beruhigende Tocken eines CTGs… der Takt, zu dem die Welt sich dreht. Wenigstens diese heute Nacht. Die Wände sind gelb, das Licht gedimmt. Irgendjemand hat zwei Kerzen angezündet, die auf einer der Kommoden stehen und weil es dunkel ist, tanzen Schatten durch das Zwielicht von Kreißsaal 5 wie die Flammen eines Kamins. Sonst ist es ruhig… gemütlich. Die werdende Mama liegt auf dem Bett, irgendwas Mitte 30, eine schlanke Frau mit erstaunlich entspanntem Gesicht, der werdende Vater an ihrer rechten Schulter ein wenig nervöser, aber eher freudig… so wie man Weihnachten auf das Klingeln des Glöckchens wartet. Irgendwie ist´s für ihn ja auch wie Geschenke bekommen.

Wir sagen nur leise Hallo, Sonja, die Hebamme stellt uns kurz vor, dann verschwinden wir in unsere Ecke an den Wickeltisch unter der Wärmelampe. Man mag nicht stören in diesem Augenblick, es ist halt alles… stimmig, richtig so, wie es ist und man will sich einfügen in dieses Bild aus Licht, Wärme und dem Weg, den wir nun alle gehen.

Die Mama hat eine PDA bekommen, ich seh das Katheterende auf ihrer linken Schulter liegen… was ihre entspannte Miene erklärt. Wir legen uns nebenher die vorgewärmten Handtücher zurecht, dann warten wir schweigend. Es geht ganz konzentriert, aber nicht verkrampft. Sonja weist den Weg und die Mama… geht ihn. Ich bin kein Geburtshelfer und ich kenne die Schritte nur so ungefähr, aber es dauert nicht lang, da erscheinen die ersten Haare. Der Papa streicht ihr übers Gesicht… noch eine Wehe… und dann ist Nummer 1 geboren. Ein zarter, schlanker Junge, der sofort beginnt zu schreien, als er die kühlere Luft auf seiner Haut spürt. Die Mama lächelt. Ich auch… so ganz unwillkürlich… diese Lächeln, von denen man gar nicht merkt, das sie da sind… wie hingezaubert. Der Papa lächelt auch, so debil, wie man nur von Glückshormonen lächeln kann, während er die Nabelschnur durchschneidet. Dann kriegen wir das Baby, den Papa neben uns, während die Mama zuschaut, während schon die nächste Wehe kommt.

Mark soll er heißen, sagt der Papa, während wir das Kind kurz abtrocknen und dann nur noch eben in trockene Handtücher wickeln. Auf Papas Arm macht er schon die Augen auf… dunkle, große Augen, die sich zum allerersten Mal die Welt besehen. Baby Nummer 2 ist ein Mädchen… zwillingszart und ebenso laut wie ihr Bruder ihren Unmut über das Geboren werden kund tuend. Sonja schaut kurz zu mir… darf ich… und legt sie dann der Mama auf die Brust. Ich winke Daniela zum Gehen… alles gut.. und beschaue mir dann das Glück vor meinen Augen… freue mich daran teil haben zu dürfen, wie aus einem Paar eine Familie wird. Ein bisschen klingt es ja abgedroschen, wenn vom Wunder der Geburt gesprochen wird – mein Mann verdreht regelmäßig die Augen… Männer, aber er war auch noch nicht dabei. Für mich hat es immer noch Magie, einen Zauber, der sich mit dem Verstand nicht fassen lässt… und ich mag es ihn zu spüren… mich berühren zu lassen in all unserer Professionalität. Der Sterilität einer Klinik zu entfliehen, hier inmitten von gelb und Kerzenlicht und neu begonnenem Leben.

Dem Papa reich ich die Hand… Männer sind in der Regel so, mit der Mama lächel ich… leg ihr die Hand auf die Schulter, ganz kurz. Manchmal muss man gar nicht so viel sagen. Winke Sonja und Susanne. Und dann geh ich.

Einfach so 🙂 .

Wohin?

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Inzwischen bin ich ja in einem Alter, das eine gewisse… Fruchtbarkeit impliziert und auch wenn es bei Familie Sternenmond nichts akutes zu vermelden gibt und vermutlich auch in den nächsten Monaten nicht, habe ich es geschafft mir trotz allem ein paar soziale Kontakte zu bewahren. Und unter diesen häufen sich nun langsam aber sicher die oben genannten… die Schwangeren.

Neben allen Fragen, die man sonst so gefragt wird – und die gehen von vernünftig („Wieviel muss das Baby denn nach der Geburt trinken?“) bis… kreativ-abstrus („Meine Schwiegermutter hat gesagt ein Schlafplatz am Fenster ist schlecht für die innere Balance. Stimmt das?“) – gibt es eine, die mit regelmäßiger Zuverlässigkeit jedes Mal gefragt wird.

„Du bist doch vom Fach… Wo würdest du entbinden?“

Ja. Gute Frage. Generell gibt es ja heutzutage im Grunde 3 Optionen. Krankenhaus, Geburtshaus, Hausgeburt. In Deutschland wird zu ca. 98% im Krankenhaus entbunden, der Rest entfällt auf die außerklinischen Varianten. Vor- und Nachteile scheinen ja relativ offensichtlich. Die Klinik mit ihren Möglichkeiten der Maximalversorgung für Mutter und Kind, dem Sicherheitsfaktor, dem beruhigenden Wissen, dass innerhalb kürzester Zeit alles gemacht werden könnte konkuriert gegen die Ruhe zuhause, der gemütlichen Atmosphäre, dem Gefühl der selbstbestimmten Geburt auf der anderen Seite.

In den letzten 2 Jahren gab es zwei große Studien, einmal aus Kanada, einmal aus den Niederlanden. Beide kamen zu dem Schluss, dass eine außerklinische Geburt bei den Nicht-Risikoschwangeren, die überhaupt für eine außerklinische Geburt infrage kommen, ähnlich sicher ist wie die in einer Klinik. Rein objektiv gesehen spricht also nichts gegen die Entscheidung für Geburtshaus oder Hausgeburt. Ich bin natürlich kein Gynäkologe, aber die Zahlen wirken ja per se durchaus überzeugend.

Jetzt folgt wie immer meine persönliche Meinung, schließlich sind wir ja auf einem Blog und Studien lesen könnt ihr vermutlich alle selbst 😉 .

Ich kann die Gedanken hinter einer Entscheidung für ein Geburtshaus durchaus nachvollziehen (eine Hausgeburt erscheint mir grundlegend seltsam, ich mag mein Kind nicht in meinem Schlafzimmer entbinden, wo bei geöffnetem Fenster die ganze Straße mitbekommt, was da gerade geht, aber das ist natürlich eine reine Geschmacksfrage). Ich mag die Vorstellung einem natürlichen Prozess den Raum einzuräumen, der ihm zusteht, der aus einer Schwangeren eine Frau und keine Patientin macht und ich glaube auch absolut daran, dass in Ruhe und mit der Möglichkeit den Dingen ihren Lauf zu lassen, fernab von der Hektik einer Klinik, eine Geburt zu einem wunderschönen Ereignis werden kann… selbstbestimmt und mit 1:1-Betreuung durch die Hebamme des Vertrauens.

Aber ich bin kein Gynäkologe, ich arbeite auf einer neonatologischen Intensivstation. Und in dieser Hinsicht bin ich ein gebranntes Kind. Mir ist völlig bewusst, dass mein eigener Eindruck natürlich subjektiv verzerrt wird durch die Tatsache, dass ich bei unzähligen Geburten in meiner Klinik nie dabei bin, eben weil alles gut geht. Dass es viel, viel mehr Geburten gibt, wo alles völlig komplikationslos vonstatten geht, als andersherum.

Und dennoch… nicht übermäßig oft, sogar selten, aber immer mal wieder passiert es dann doch. Dann kommt die Geburt, bei der eben nicht alles gut ist, obwohl doch vorher alles gut war. Bei der das Telefon klingelt und eine panische Stimme am anderen Ende nach dem Kinderarzt schreit. In der ich selbst schon sauerstoffbedürftig in den Kreißsaal stürme und da ein blaues, lebloses Kind liegt. Es gibt sie eben doch, die Notfälle, bei denen es auf Sekunden und Minuten ankommt… alles schon erlebt. In denen die Zeit, in der man im Geburtshaus auf den Rettungsdienst wartet (der ja in der Regel mit einem schwerwiegend beeinträchtigten Neugeborenen auch nichts anfangen kann) und die es dauert, bis das Kind dann schließlich zum Neonatologen gelangt, mehr als ausreicht um an Ende einen irreversiblen Hirnschaden zur Folge zu haben.

Von Seiten der Befürworter der außerklinischen Geburten lese ich ganz oft, dass solche Dinge aufgrund der besseren, individuelleren Betreuung, dem Gefühl für die Schwangere und der im Zweifel frühzeitigen Verlegung in eine Klinik deutlich seltener vorkommen und rein prinzipiell bin ich auch geneigt das zu glauben. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber es erscheint mir wenigstens so nachvollziehbar, dass ich es für wahrscheinlich halte. Und dennoch. Dann mag es vielleicht nur 1 von 100.000 Kindern treffen (die Zahl ist jetzt willkürlich aus der Luft gegriffen). Wie wird es einem als Elternteil gehen, wenn dieses eine Kind das eigene ist? Wenn am Ende die Entscheidung für eine schöne Geburt außerhalb des Mühlwerks eines klinischen Kreißsaals zu Lasten des Kindes geht? Für mich wäre das ein Alptraum… wirklich. Natürlich kann eine klinische Entbindung auch keine hundertprozentige Sicherheit bieten, aber zumindest werden die Chancen für einen guten Ausgang maximiert.

Meine Antwort auf obige Frage lautet aus diesem Grund und meiner eigenen zweifellos subjektiven Erfahrung immer Klinik mit Kinderklinik. Es gibt immer noch viele Krankenhäuser, die eine Gynäkologie besitzen, aber keine Kinderklinik im Haus. Im Grunde genommen tut sich dann zum Geburtshaus auch nicht viel, denn bis das Kind dann im akuten Notfall durch einen Kinderarzt versorgt werden kann, vergeht eben so viel Zeit. Zeit, die am Ende dann den Unterschied bringen kann. Außerdem ist die Mutter im Falle einer Verlegung dann nicht beim Kind… auch nicht so schön.

Im Grunde genommen muss man sich als Eltern immer entscheiden, ob dieser letzte Rest an Sicherheit einem mehr bedeutet als ein schönes Geburtserlebnis (das es in einer Klinik ja ebenso geben kann, davon ganz abgesehen). Das soll nicht despektierlich klingen, ich bin weit davon entfernt Eltern, die sich für die außerklinische Geburt entscheiden Verantwortungslosigkeit zu unterstellen… wie gesagt… aber dennoch. Ich für mich persönlich, wenn man mich um meine Meinung bittet, kann keine andere Antwort geben.

Jetzt bin ich gespannt. Wie seht ihr das 🙂 ? Hat jemand von euch im Geburtshaus oder zuhause entbunden und was waren eure Gedanken dazu? Oder warum habt ihr euch für die Klinik entschieden? Und am Ende noch… wie war´s denn dann?

Ich bin ganz neugierig auf Antworten 🙂 .

Männerimpressionen: Let´s dance

Mitte der Woche muss der Mann immer leiden, denn da kommen die Sophie-guckt-Frauen-Sendungen-Tage. Neben Germanys Next Topmodel kommt seit heute…

…Let´s dance!

Geschuckel, Gehampel, einige wenige tolle Laientänzer und die auf den Punkt gebrachten Kommentare vom Joachim Llambi. Wenn ich mich auch sonst dem Schund auf RTL verwehre und Let´s dance nach Hapes Weggang in Moderatorenhinsicht qualitativ doch arg nachgelassen hat (Hollands Antje Nr. 2 Sylvie und Dumpfbacke Daniel Hartwig könnte ich getrost auch auf stumm schalten, wenn sie ins Bild kommen), guck ich es dennoch gerne.

Der Mann quält sich zugegebenermaßen ein wenig… mehr… ähm… aber so ab und an muss er doch mal einen Blick riskieren. Und irgendwo mitten drin, als die Gitte Henning ins Bild kommt, da sagt er trocken mit dem männlich-ausgeprägten Sinn für Mode und so:

„Mit dem Gebammelse da schaut sie aus wie eine Waschanlage.“

Irgendwie da hat er ja recht.

Privatvergnügen

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Stress. Es ist irgendwann im Winter vor 2 Jahren und die Station voll. Nun, 2 Betten sind noch da. Das RS-Virus hat das Land voll im Griff und aus 90% der Zimmer röchelt und hustet es. Ein wenig zermürbend ist das, wenn man morgens Visite macht. Mehr Inhalation, Versuch mit weniger Inhalation, Sauerstoff rauf, Sauerstoff runter und vor jedem Zimmer rein in die gelben Einmalkittel, Mundschutz auf und Handschuh an.

Ich hasse arbeiten mit Mundschutz. Wenn man mal Knoblauch in der Cafete isst, narkotisiert man sich selbst mit seinen Atemgasen und dauerhaft unterversorgt mit Sauerstoff fühlt man sich auch. Leute im OP, wie haltet ihr das aus?

Für den Dienst ist die Bettensituation… ungemütlich. Wenn man mit 2 Betten jonglieren muss, macht das keine Freude. Wenn man wenigstens verlegen könnte, aber in den umliegenden Kliniken sieht das ganze auch nicht besser aus. Also werden die Aufnahmekriterien gelockert und bei jedem Kind neue logistische Überlegungen getroffen. Aufnahme oder keine Aufnahme, das ist hier die Frage. Ist das hier der Patient, für den das letzte freie Bett zu opfern ist? Und was ist, wenn danach noch einer kommt, der kränker ist?

Mitternacht. Die beiden Betten sind erfolgreich verteidigt… noch… als Frau Messerschmidt die Ambulanz betritt. Im Schlepptau sind ihre beiden Kinder, Paul-Jannik-Gustav, 5 Monate und Amalia-Elisabeth-Ludovika, 2 Jahre. Frau Messerschmidt ist P, wie sie zur erstbesten Gelegenheit verkündet… Hoch-P. Hätte sie aber gar nicht sagen brauchen, es strömt ihr quasi aus jeder Pore, jeder Geste… dem Blick, mit dem sie mich mustert.

Der Kleine hat ein bisschen Schnupfen – was ganz neues in diesen Tagen, die Große… ja, man weiß es nicht. Isst nicht, verkündet Frau Messerschmidt. Und jetzt mache sie sich größte Sorgen, der Kleine könne des Nachts ersticken. Paul-Jannik-Gustav hingegen macht sich keine derartigen Sorgen, denn der ist quietschfidel, fieberfrei und höchst niedlich, wie er da auf der Liege strampelt und mit seiner Rassel spielt, während seine Schwester daneben sitzt und ihm versucht den Schnuller weg zu nehmen, während ihre Mutter mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks „Nein“ sagt und doch nichts tut. Amalia-Elisabeth-Ludovika hat… nichts. Gar nichts. Gesundes Kind… eine Rarität zur Zeit. Aber Frau Messerschmidt ist not amused über diese Feststellung.

Frau M. *erbost*: „Wie, sie wollen mich nicht aufnehmen?“

Sophie *irritert guckend*: „Ähm, nein, das ist wirklich nicht nötig. Sie haben ja ein Inhaliergerät, ich schreibe ihnen alles nötige auf und dann gehen sie morgen nochmal zum Kinderarzt, wenn sie sich unsicher sind.“

Frau M.: „Hören sie mal, der Kleine ist zuhause fast erstickt! Das ist ja wohl gefährlich und außerdem…“ Weiteres Diskutieren. Sophie sieht ihre zwei freien Betten schwinden. „Sagen sie mal, ist denn kein Oberarzt im Haus?“ Ähm nein, der hat´s gut und muss sich nachts nicht mit so einem Mist herumärgern. „Nein, Frau M., der ist nachts nicht im Haus“ Immer höflich bleiben. Om…

Frau M. besinnt sich einer neuen Taktik. Mit großen Augen setzt sie an: „Und ich habe einfach Angst zuhause!“ Totschlagargument. Sophie hat ja ein weiches Herz… was soll man gegen Mutterängste sagen?

Sophie kapituliert. „In Ordnung Frau M., dann nehm ich sie und den Kleinen auf. Allerdings…“ Und das sage ich in weiser Voraussicht, wie sich gleich herausstellen wird. „…kann ich ihnen kein Einzelzimmer anbieten…“ Man erinnere sich… Super-P.

Frau M. atmet ein, stößt die Luft durch die Nase aus und sieht mich an… missbilligend. Äußerst missbilligend. Sophie hält inne. „Und was ist mit meiner Tochter?“ Wie jetzt? „Na, wie stellen sie sich das vor, junge Frau? Ich bin schließlich…“ Sie holt tief Luft und endet triumphierend. „Alleinerziehend!“

What the fuck?!

Sophie *bemüht freundlich*: „Frau M., ich kann kein Begleitkind aufnehmen, selbst wenn ich es wollte… ich habe nur noch zwei Betten in zwei verschiedenen Zimmern und es ist wirklich nicht meine Aufgabe…“

Falsche Taktik, ich merk es sofort. Frau M. schaut triumphierend und sticht mit dem Zeigefinger nach mir. „Ich hab´s gewusst! Sie wollten mich also nur deshalb nicht aufnehmen, weil sie keine Betten mehr haben! Mich und meinen schwerkranken Sohn!“

Ähm… hallo?! Hab ich das nicht gerade angeboten? Und während ich noch halb fassungslos, halb verärgert schaue, packt sie schon ihre schwerkranken Kinder, die derweil den Sauerstoffschlauch angesabbert haben. „Frau M….“ sag ich noch, irgendwie um Fassung bemüht, aber eigentlich schon sauer. „Lassen sie.“ winkt sie generös ab. „Sie können davon ausgehen, dass ich morgen ihren Chef besuchen werde, dessen Patienten wir zufällig sind.“ Sie schaut, als hätte sie mir gerade den K.O.-Hieb versetzt und rauscht dann, als ich nur die Augenbrauen hochziehe, aus der Ambulanz.

Als ich am nächsten Tag wieder komme, hat der Chef natürlich stante pede das erste freie Zimmer für Familie M. reserviert. „Die Kinder sind ja eigentlich nicht richtig krank.“ erklärt er mir leise, während die Schwester Mutter und Kinder ins Zimmer bringt und Frau M. mir einen siegessicheren Blick über die Schulter hinweg zu wirft. „Aber die Mutter kann nicht mehr.“

Ah. Ja. Danke Chef.

Werbestrategien

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Personenbezogen soll die Werbung sein. In bestem Falle.

Im Zeitalter der blinkenden Werbeverfolgung bei Facebook, perfekt abgestimmt auf das eigene Persönlichkeitsprofil ist das Thema so präsent wie nie. Ich mein… ich seh das nicht, denn weil´s mich unsäglich nervt, habe ich das nette Werbeblockprogramm installiert, dass mich insgesamt höchst zuverlässig vor so einem Schrott bewahrt *tätschel*. Tatsächlich kann man sich fragen, macht das Sinn so… denn Facebook vertreibt ja dennoch meine Daten und die Banner dann auszublenden, ist ja mehr so etwas wie Symptomkosmetik, denn wie eine echte Therapie des Krankheitsbildes, aber gut, was soll´s.

Dass es sowas in gewissem Rahmen auch im Fernsehen gibt, war mir unterbewusst schon irgendwie klar, aber weil ich in den Werbepausen tendenziell anderes tue als in den Fernseher zu schauen (Blogbeiträge schreiben… zum Beispiel 😀 ), ist es mir nie so aufgefallen. Bis… ja bis zum letzten Donnerstag.

Ich gestehe, die Sophie ist ja ein Verweigerer diverser… kommerzieller… Sendungen wie DSDS, Supertalent oder diverser anderer Möchtegern-Talentsuchersendungen, aber eine schau ich doch. Donnerstag ist Topmodelzeit!

Ich liebe es. Heidi und ihre Meeeedchen, eine dünner schlanker als die nächste, hübsche Bilder, ein bisschen Zickerei, schöne und manchmal nicht so schöne Kleider. Gefangen sitzt die Sophie also mit einem Glas Sekt vor dem Fernseher und versinkt in einer Welt von Mode, Glitzer und Glamour. Und dann kommt die erste Werbeunterbrechung und während ich genüsslich ein Schlückchen feinperligen, fruchtig-feinen Sekt nippe, sehen meine Augen geradewegs auf den ersten Spot.

…eine Werbung für Scheidenpilzcreme.

Und während ich mich am Sekt verschlucke, denk ich… Das ist also Frauenwerbung. Wieder was gelernt.

Wenn ich groß bin…

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… möchte ich zwar nicht Feuerwehrmann werden, aber es hat ja schon was… so voll cool mit einem Rettungswagen herum zu fahren. Das Martinshorn heult, das blaue Licht  flackert um einen herum und das Beste – alle müssen Platz machen! Dass am Ende der Straße dann aber auch ein Einsatz wartet, das lässt sich ja erstmal verdrängen, wenn man von draußen schaut sowieso und drinnen auch, wenigstens kurzfristig.

In meiner Fachrichtung ist es jetzt aber nicht so ganz gängig als Notarzt herum zu fahren und vor dem Facharzt schon mal gar nicht. Unsere Klinik allerdings kooperiert im Zeitalter der globalen Vernetzung mit drei weiteren Geburtskliniken, die alle keine Kinderklinik im Haus haben und wenn da mal Kinder schlecht sind, holen wir die ab. Genau, so richtig mit Rettungswagen und Sirene und allem, was dazu gehört.

Dennoch ist das in der Regel nicht unbedingt die Aufgabe der Assistenzärzte, was ja auch vernünftig ist. Gerade, wenn es um Kinder geht, die Atemprobleme haben oder etwas anderes mehr oder minder dramatisches, braucht man jemanden, der derartige Situationen auch sicher beherrscht. Intubieren beispielsweise ist etwas, das ich zwar prinzipiell kann, aber ich bete, dass ich das niemals tun muss ohne jemanden mit breiteren Schultern in meinem Rücken, der im Zweifel immer eingreifen könnte. Nun ja.

Manches Mal aber… aus welchen Gründen auch immer… da darf man dann auf einmal doch. In diesem Falle ging es um ein Kind mit einer Hypoglykämie, sprich einer Unterzuckerung. Das Kind war schon ein paar Stunden alt, aber durch sämtliche konventionellen Maßnahmen (sprich: Füttern) war es nie gelungen den Blutzucker über 50 mg/dl anzuheben. Das ist insofern doof, als dass der Blutzucker die einzige Nährstoffquelle des Gehirns darstellt und dauerhaft schlechte Blutzucker nicht unbedingt…. nun… positiv für die Neuronen sind. Dazu war das Kind mit 35+4 SSW deutlich zu früh auf die Welt gekommen und mit 2530 g auch nicht mit übermäßigen Gewichtsreserven gesegnet. Solche Kinder neigen gerne mal zu Hypoglykämien, weil ihre Fähigkeit den Blutzuckerspiegel konstant zu halten, gerade innerhalb der ersten Lebenstage eher mäßig ausgeprägt ist.

Und weil das zwar nicht schön ist, aber auch nichts, womit ich nicht klar komme… und, so ganz nebenher, das oberärztliche Personal gerade akut beschäftigt war… da hielt man mich für würdig (und fähig) dieses Kind zu holen. Jaaaaa… so richtig mit Rettungswagen und Blaulicht und allem drum und dran.

Also machten wir uns auf, Schwester Daniela, der Transportinkubator und ich. Den schweren Medikoffer übernimmt die Rettungsassistentin, die das Auto fährt. Also drei Weibsen in einem großen Auto… ein Schelm, der böses dabei denkt. Der Transportinku und der RTW mögen sich überdies auch noch nicht besonders und das schwere Monster so auf die Halterung zu heben, dass es passt, ist nochmal ein Kunststück für sich. Also ächzen wir zu dritt, während die ersten Schweißperlen auf der Stirn sprießen… unter den amüsierten Blicken der Crew des Fahrzeugs neben uns – natürlich zwei Männer… weil sich das )(/%(/%(/&%(&/ der Transportinku dann noch verhakt und mir fast auf die Füße fehlt. Daraufhin fühlen sie sich dann doch bemüßigt mit anzupacken und keine fünf Minuten später ist das Ding verladen und wir auf dem Weg, während ich schon jetzt platt auf dem Beifahrersitz hocke und die ganze Aktion doch nicht mehr so cool finde.

Und dann kommt ja noch der Knüller. Nein – wir fahren natürlich nicht mit Blaulicht 😦 😦 😦 .

Den Kennern unter euch wird das sicher schon vorher aufgegangen sein, aber die Sophie ist ja naiv und so… *murmel*… und außerdem wollte ich gefälligst MIT Blaulicht fahren. So! Leider, leider ist unser abzuholender Patient stabil und es ist einfach nicht angesagt mit vollem Karacho und Krawall dorthin zu fahren. Ach Mönsch!

Hätte uns ohnehin nichts genützt, denn wie der Zufall so will, keine von uns war schon mal in dieser Klinik, die Liegendeinfahrt ist miserabelst ausgeschildert und es kommt, wie es kommen muss… drei Frauen… verfahren sich hemmungslos auf dem Klinikgelände. Unter weiterem männlichen Feixen inklusive diversen Männermachosprüchen („Hättense mal nen ordentlichen Mann ans Steuer gelassen… so große Autos sind nichts für so zarte Frauen wie sie!“) plus rückwärts die 10m lange Einfahrt wieder zurück – nein, wir haben nichts gerammt! – finden wir schließlich doch noch die ersehnte Einfahrt und eilen uns hinauf ins Kinderzimmer der gynäkologischen Abteilung.

Im Vergleich zu vorher ist die Versorgung des Kindes dann völlig unspektakulär. Kind angeschaut, Kurve zeigen lassen.

Sophie: „DAS war der erste Zucker?“ *zeigt auf eine haarsträubende 24 mg/dl in der Kurve irgendwann um Mitternacht*

Schwester *zuckt mit den Schultern*: „Joa…“

Sophie *knirschend*: „Und da haben sie es nicht für nötig gehalten mal anzurufen?“

Schwester: „Naja… hat er ja gegessen… und sehen se, der nächste war dann ja auch viel besser.“ *zeigt auf die nächste Zahl, eine 39*

Sophie: „….“ *zensiert* „Sonst noch was mit dem Kind?“

Schwester: „Naja, ein bisschen kalt war er auch, aber verstehen se, der ist ja auch klein!“

Sophie *starrt auf die 35,6°C Körpertemperatur in der Kurve*: „Ach nein. *ironie aus*. Und was haben sie da gemacht?“

Schwester: „Na… enges Bonding mit der Mutter!“

Sophie *japsend*: „Nicht ins Wärmebett?!“

Schwester: „Nö. Was wollen sie? Hat doch wunderbar geklappt! Danach waren´s 36,4°C“ *Anmerkung der Redaktion: gewünscht hätte ich mir sowas wie… 37,3°. Oder so*

Sophie denkt sich… Hopfen und Malz verloren, lass den Chef das morgen regeln. Die Zugangsanlage ist dann das kleinere Problem und gespannt schauen wir auf das Display des Blutzuckermessgeräts, das wir mit dem heraustropfenden Blut gefüttert haben. Blink – 36 mg/dl.

Die Schwester hat wenigstens den Anstand betreten zu schauen, während mir Daniela die Spritze mit der Glucoselösung reicht. Ein bisschen extra Zucker für das Baby, dann kommt noch eine Infusionsleitung dran und das Kind in den Inkubator. „Macht´s gut!“ säuselt uns die Schwester noch hinterher, während wir wortlos die Station verlassen.

Das Einladen des Inkus gelingt ebenso verbesserungswürdig gut wie auf der Hinfahrt, dafür fahren wir unfallfrei zurück. Natürlich.

Wenn auch ohne Blaulicht 😦 .

Nights of Horror III

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Mit der Zeit ist das so eine Sache… hab ich beim letzten Mal gesagt. Jetzt zieht sich die Zeit wie Kaugummi, in der wir warten, dass die Antibiotika anfangen zu wirken. Man kennt das ja von sich selbst. Am eindrucksvollsten find ich das immer bei einem Harnwegsinfekt, die Frauen von euch kennen das wohlmöglich. Wenn´s so richtig los geht, dann möchte man ununterbrochen zur Toilette rennen, gleichsam von einem kaum zu unterdrückenden Drang wie von der Furcht vor dem fiesen Schmerz gepeinigt, der einen glauben lässt man pinkele mit jedem Tropfen eine Rasierklinge aus. 12h nach der ersten Tablette ist der Spuk vorüber.

So erhoffen wir uns das auch von Luca, aber 12h sind 12h und die können lang sein… sehr lang. Müde sind wir inzwischen und ich wünschte mir ein paar ruhige Minuten, in denen ich einfach mal ausruhen könnte. Sitzen kann ich, allerdings ohne Ruhe, dazu ist das Klingeln des Alarms viel zu gegenwärtig. Es gewinnt eine Art von spukiger Routine. Alarm geht, ausdrücken, eine Hand in den Inku, die andere ans Beatmungsgerät, mehr Sauerstoff rein…drücken, drücken, drücken… Hand raus, kurz durchatmen… und das Spiel beginnt von vorn.

Draußen ist es dunkel. Die Fenster gehen in den Garten hinaus, kein Licht, kein Motorengeräusch. Wir sind auf einer einsamen Insel, eine eigene Welt aus gedämpftem Licht, vertrauten Geräuschen, vertrauten Gesichtern… gestrandet in einer Welt aus Kämpfen und dem Willen nicht aufzugeben… Hoffnung… dass wir gewinnen für den kleinen Mann. Wenn man müde ist, dann gerinnt eine Nacht in der Erinnerung zu einer verqueren Aneinanderreihung von einzelnen Bildern… Szenen… ein dahin geworfenes Wort. Nachts ist man da, auf den Punkt, man kann sich zu jeder Zeit konzentrieren, wenn man muss… der menschliche Körper ist ein tolles Ding. Mir ist es aber auch schon passiert, dass ich mich an den Heimweg nicht mehr erinnern kann.

Dingdingding…! Geht wieder der Alarm. Christel tut… Hand rein, Inspirationstaste drücken… aber dieses Mal will es nicht so recht funktionieren. Ich springe von meinem Stuhl auf, während die blaue Ziffer für die Sauerstoffsättigung fällt und fällt und fällt… 65…60…50. Die gelben Zacken im EKG werden immer weniger, die gerade Linie dazwischen länger und länger. Lucas Herz fehlt der Sauerstoff, um ordentlich zu schlagen. 45. Ich reisse die Klappen auf der anderen Seite auf und stecke die Hand in den Inku. Luca rührt sich nicht. Keine Bewegung… kein Atmen. 40. Im Licht ist seine Haut fahl, die Lippen blau. 35. Christel drückt jetzt eilig auf Inspiration, 100% Sauerstoff ist jetzt in der Atemluft, aber es tut sich nichts. 30. Kontrollierte Hektik bricht aus, Christel schnappt sich den Sauger und saugt in der Hoffnung, da wäre Sekret oder Milch oder irgendwas, das die Atemwege verlegt. Nichts. 20. Mit einer Hand greif ich nach dem Beatmungsbeutel, während ich mit der anderen die Sauerstoffbeimischung nach oben dreh. Den Beutel durch die Klappe zu bugsieren, dauert noch einige wertvolle Sekunden… und dann starren wir zu dritt wie hypnotisiert auf die blauen Zahlen, die nun in sekundenschnelle hinunterrauschen.

5… 4…   3…   2…    1…   0.

Die 0 besitzt eine Art von schrecklicher Faszination, von der Art, wie man etwas besieht, dass so furchtbar ist, dass man nicht weg sehen kann, selbst wenn man wollte. Diese eine Sekunde, in der die 0 am Monitor erscheint, ist ewig… als wäre die Zeit für einen Herzschlag eingefroren. Meister Hora, der die Zeit anhält. Lucas Herz schlägt noch… etwa 35 Mal pro Minute. Noch… und viel zu langsam.

Ich blinzle… und dann geschieht alles rasend schnell… muss schnell gehen. Ohne Rücksicht auf Verluste reisse ich Luca die CPAP-Maske vom Gesicht. Mir rauscht das Blut in den Ohren, ich hör mein Herz jagen, viel zu schnell, Adrenalin in meinen Adern… tocktocktock… aber Angst hab ich nicht, dafür ist gar keine Zeit. Man denkt nicht mehr in diesen Momenten… man handelt einfach… irgendwie. Die Beatmungsmaske landet auf Lucas Gesicht, während meine Finger mechanisch den Beutel drücken.. und wir auf das leblose Baby starren. Der Brustkorb hebt sich unter meinen Bemühungen… gottseidank, bedeutet es doch, dass es mir erfolgreich gelingt Luft in das Kind zu befördern. Die Sekunden dehnen sich ins Endlose… weiter machen und ich erinnere mich, dass ich etwas zischte wie… „Wage es ja nicht bei mir zu sterben!“. Verrückt, als ob Luca das hören könnte. Wir starren auf Luca, dann auf den Monitor. Nicht auf die Sättigungszahlen, denn die reagieren erst mit Verzögerung, aber auf die Herzfrequenz. Wären wir erfolgreich, dann müsste sie ansteigen… bittebittebitte… noch welche von den endlosen Sekunden und dann…

50…80…120.

Und Luca reisst die Augen auf und beginnt wütend zu kreischen. Tausend Steine fallen mir vom Herzen und jetzt… erst jetzt beginnen meine Hände heftig zu zittern, so sehr, dass ich sie kaum ruhig halten kann, während wir uns eilen den CPAP wieder anzubasteln.

Draußen ist es immer noch dunkel, als ich mich im Stützpunkt auf einen Stuhl fallen lasse und für einen Moment… einfach… sitze, die Augen zu… und wem auch immer danke, dass dieses Kind nicht unter meinen Händen sterben musste. Dann greif ich mir das Telefon und rufe Frau V. an.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte… es war sicher weder besonders nett, noch besonders höflich. Vielleicht war es auch deswegen, dass sie lapidar sagte: „Ach, kommen sie Sophie… so schnell sterben die auch nicht.“ Mein Kommentar dazu war SICHER weder nett noch höflich und vielleicht war ihr auch bewusst… nun, einiges bewusst. Wir kamen stillschweigend darüber ein über den Inhalt dieses Gespräches am Morgen kein Wort zu verlieren. Womit sie aber recht hatte war, dass wir es nun wohl bald geschafft hätten.

Und so ist es auch. Als 2 Stunden später die Sonne aufgeht, ist Luca über den Berg. Die Abfälle haben aufgehört… er bewegt sich. Die Haut hat wieder ein wenig Farbe. Und ich bin unendlich froh, dass die Nacht vorüber ist… und noch genauso viele Kinder auf der Station liegen wie am Abend.

Kurz vor Weihnachten ist Luca nach Hause gegangen. Ein ganz gesundes, süßes, niedliches, ehemaliges Frühgeborenes.

Das Leben kann so schön sein 🙂 .

Nights of Horror II

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Anna geht und Oberärztin V. kommt. Grummelt und brummelnd und noch immer nicht an ein ernsthaftes Problem glaubend. Ein Virusinfekt, sagte sie am Telefon.

Ja sicher… Einbildung… und so*Ironie aus*!

Als V. allerdings einen Blick auf Luca wirft, da grummelt sie zwar immer noch, aber greift sich immerhin das Zugangszeug und versucht ihr Glück einmal… und zweimal… und nochmal. Und nochmal. Gibt´s nicht… aber geht nicht. Es geht einfach nicht. V. ist jemand, der unleidlich wird, wenn etwas nicht klappt und das hier klappt gerade so gar nicht. Dummerweise ist niemand da, dem sie die Schuld daran geben könnte, also werkelt sie leise fluchend vor sich hin (derweil wir die Eltern längst nach draußen geschickt haben, nicht, dass hier falsche Vorstellungen entstehen), während die ersten Schweißperlen auf ihrer Stirn sprießen. Christel und ich schauen wortlos zu.

Manchmal ist der Mensch ja ein fieses, bösartiges Biest und generell als Weibchen ist man es noch mehr… Frauen, seid ehrlich. Dementsprechend könnte ein kleiner, fieser Teil von mir ein gewisses Maß an Schadenfreude dafür empfinden, dass sie gerade die Suppe auslöffeln muss, die sie sich selbst eingebrockt hat… ginge es nicht auf Kosten des Kindes. Dass es das tut, macht es traurig… tragisch… ohne Worte. Innerlich hoffend, starren wir auf die Hände von Frau V., warten auf den Blutstropfen in der Nadel, der anzeigt, dass sie auf dem richtigen Weg ist… hoffen, dass das dünne Plastikröhrchen sich den Weg in die Vene bahnt… aber es will nicht.

Zahlreiche Nadeln liegen inzwischen auf dem Inkubator und wäre Galgenhumor nicht so völlig unpassend, hätte es was von Katastrophentourismus. Irgendwann gibt Frau V. auf, notgedrungen und pfeffert den letzten Zugang irgendwo ins Eck. „Dann geben sie die Antibiose halt über den ZVK!“ zischt sie und rauscht davon, vermutlich sich irgendwo einen Kaffee holen. So rum macht man das eigentlich nicht so gern, muss man doch vermuten, dass der ZVK der Ursprung allen Übels ist. Bakterien wachsen halt gern an Plastikmaterialien und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Katheter sich infiziert, schwebt immer über einem wie ein Damoklesschwert. Die Kehrseite der Medaille quasi. Dementsprechend ist das übliche Prozedere, den Bakterienherd zu entfernen, sprich den ZVK zu ziehen und die Antibiotika zunächst über einen normalen peripheren Zugang zu geben. Zugegebenermaßen… geht das jetzt nicht mehr, weil wir keinen Zugang haben und täten wir den ZVK ziehen, könnten wir keine Antibiotika geben. Schöne Scheiße.

Der beste Freund des Kinderarztes – der Taschenrechner – und ich rechnen die Antibiotikamengen aus und drücken den Zettel der Christel in die Hand, ehe ich mich auf den Weg mache Frau V. zu suchen. Wider jeden Erwartens ist die allerdings nicht in der Küche, sondern steht in Jacke und Mütze auf dem Flur. „Dann ist ja alles klar soweit.“ sagt sie kurz angebunden und -husch- ist sie von Station gezischt, während ich ihr sprachlos hinterher starre.

Derweil beginnt das Bimmelkonzert in Lucas Zimmer… ein Geräusch, das uns in dieser Nacht zum steten Begleiter werden wird. Fakt ist, die Abfälle häufen sich… werden mehr und mehr und mehr… die Herzschläge werden immer langsamer, die Abfälle der Sauerstoffsättigung immer tiefer. Es bedarf immer mehr Mühe, Luca zum weiter atmen zu animieren. Bei gesunden Frühchen reicht oft ein Streicheln über den Rücken oder ein  Griff an die Füßchen. Luca muss man immer heftiger stimulieren… immer mehr machen, damit er aus den Tiefs wieder hinauf taucht. Inzwischen steht einer von uns permanent am Kind, drückt den Knopf für die Handbeatmung am Beatmungsgerät, dreht Sauerstoff in die Atemluft… quittiert die fortwährenden Alarme.

Zwei Stunden später habe ich die Nase endgültig voll – und klingele nach Frau V. Die sieht die Notwendigkeit zu kommen eigentlich nicht so richtig ein… erst als ich ihr wütend mehr oder minder nahe lege ihren Arsch gefälligst in die Klinik zu bewegen, gibt sie nach. Wir legen derweil alles für eine Intubation bereit… die Meinung habend, dass ein Kind, das dermaßen instabil ist, einfach vernünftig beatmet werden muss, bis es ihm wieder besser geht. Man ist unruhig in der Zeit, in der man wartend… vom Kind zum Monitor zum Kind blickend. Sauerstoff… Inspirationstaste… Hand in den Inku und Luca anfassen. Auf die Uhr sehend. Sich wünschend, dass man die Verantwortung für ein Leben abtreten darf an jemanden, der die größere Erfahrung hat… wenigstens für eine Weile.

Eine Viertelstunde später ist die Oberärztin da, kam, sah… und intubierte nicht. Wir sehen uns an, Christel und ich… wortlos… sprachlos. „Ist doch ganz stabil.“ bescheidet Frau V. und beschließt: „Das Kind war noch nie intubiert, damit werden wir heute nacht auch nicht anfangen.“ Christel und ich… schauen. Da klopft sie mir auf die Schulter und verschwindet mit einem: „Melden sie sich, wenn was ist!“ wieder ums Eck.

Wenn ich das jetzt so schreibe, klingt der Fall ja ganz klar. In solchen Momenten ist es das aber nicht immer. Fakt ist, sie HAT die größere Erfahrung. Sie HAT schon viel, viel mehr solcher Kinder gesehen als ich. Sie sollte die Situation wenigstens besser einschätzen können als ich und vielleicht kann sie es auch. Also beginnt man zu zweifeln, ob die eigene Einschätzung wirklich richtig ist. Ob man sich geirrt hat… und sie Recht. So oder so… sie hat entschieden. Und jetzt müssen wir sehen, wie wir Luca durch die Nacht kriegen.

Der Alarm klingelt schon wieder – jeder, der schon einmal auf einer Intensivstation war, kennt den Krisenalarm. Dieses ohrenbetäubende Geräusch, bei dem plötzlich ein gewisses Maß an kontrollierter Hektik ausbricht… mal mehr, mal weniger, aber alle Welt läuft plötzlich. Bei Luca laufen wir nicht, weil permanent am Bett stehen. Zwei Leute… eine Schwester, ein Arzt… für ein Kind.

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Manchmal verfliegt sie viel zu schnell und in anderen Momenten kriecht sie sich zu einer Ewigkeit zusammen, die einfach nicht vergehen will, so sehr man sie auch bittet.

To be continued…

Nights of Horror I

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Nachtdienst.

Ich mag den Nachtdienst… eigentlich. Wenn die Flure still sind, die Hektik fehlt. Jeder, der nachts arbeitet, kennt die seltsame Stille… manchmal ist es fast friedlich. Dann sitzen wir im Halbdunkel im Aufenthaltsraum, essen, quatschen… gucken Blödsinn im Fernsehen. Je nach Arbeitsaufkommen wird das Strickzeug mitgebracht und ausgepackt und das beruhigende Klackern der Nadeln begleitet uns durch die Nacht. Ab und an geht irgendwo ein Alarm… weint ein Baby. Eine Welt für sich ist es und es gibt Nächte, da erscheint einem das Draußen seltsam surreal, Normalität wie ein ferner Traum… oder ist man schon aufgewacht?

Manchmal ist´s natürlich auch anders, die Nächte, in der uns einholt, was wir tun… die Intensivmedizin.

Erste Nacht… manchmal muss man hinsehen… und nicht weg. Es geht um Luca. Luca war mal klein, geboren in der 28. Schwangerschaftswoche mit gerade einmal 980g. Soviel wie 4 Pakete Butter. Jetzt ist er 3 Wochen älter und wir sind ganz glücklich mit ihm. Ein niedlicher kleiner Junge mit braunen Haaren und großen, dunklen Augen… liebe Eltern, die ihn auch sehr lieben. Weil es mit dem Essen noch nicht so gut klappt, hat Luca zwei Tage vorher noch einen zentralen Venenkatheter bekommen, quasi ein verlängerter Zugang, dessen Spitze am Herzen endet und der den entscheidenden Vorteil hat, dass er in der Regel nicht nach ein paar Tagen kaputt geht wie ein Zugang an der Hand. Im Atmen ist Luca schon ganz groß, er hat nur noch eine Flowbrille, eine Sauerstoffbrille, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, die ihn ein wenig beim Atmen unterstützt. Sauerstoff kommt da allerdings schon keiner mehr raus.

Morgens um 5 wird Luca plötzlich komisch. Komisch heißt… man weiß es noch nicht so recht. Nicht greifbar, nicht fassbar. Es lässt sich nicht so genau sagen, was einem eigentlich nicht gefällt, aber… er gefällt nicht. Nur ein Gefühl, das mich misstrauisch macht irgendwo im inneren. Eine Stunde später macht Johanna, seine betreuende Schwester ihn wach… und er macht einen Abfall. Abfall heißt in der Regel, dass das Kind aufhört zu atmen, wenigstens für eine gewisse Zeit und dass nach der Sauerstoffsättigung im Blut dann auch die beruhigenden 140-160 Herzschläge pro Minute immer weniger werden. In gewissem Maße ist das normal. Ein Frühchen darf das atmen ab und an vergessen, dann muss man es daran erinnern, dass es da noch etwas gibt. Für Luca nicht. Luca ist eigentlich schon viel weiter, viel stabiler… und das ungute Gefühl wächst zu einem Alarmiertsein heran. Irgendwas stimmt hier nicht, also nehmen wir Blut ab. Eine Infektion wäre ein Grund, das naheliegendste sogar, also schauen wir nach.

In Ruhe dann ist Luca wieder stabiler, schläft friedlich in seinem Inkubator und ich sehe auf ihn hinab und denke… nuja, vielleicht hat´s dich ja getäuscht. Anna, meine Kollegin kommt zur Übergabe und ich warne sie noch vor Luca… aber bald haben wir ja Blutergebnisse. Im Auto überkommt´s mich dann wieder… dieses ungute Gefühl, etwas könnte nicht stimmen. Manchmal wird man paranoid. Der Patient in der Ambulanz, hatte der nicht doch was? Das Begucken des Patientenbretts auf Station am Morgen… steht der von gestern abend drauf? Hab ich etwas übersehen… und nun muss jemand dafür bezahlen? Das Gefühl ist nicht schön… jeder, der Verantwortung trägt, wird es kennen und die Verantwortung für Leben oder Sterben zu tragen, macht den Druck nicht kleiner. Ich rufe Anna an und frage nach den Werten, sonst könnte ich nicht schlafen… auch ein Erfahrungswert. Alles gut, sagt sie und für eine Weile bin ich beruhigt. Beruhigt genug zum schlafen.

Nachmittags wache ich auf… schon wieder unruhig und ich hasse es. Man sollte seine Arbeit nicht mit nach Hause nehmen, das ist ungesund. Irgendwann muss man abschalten können, sonst wird man völlig verrückt. Kennt ihr das, wenn man immer wieder zur Autotür geht um nachzusehen, ob man abgeschlossen hat? So in etwa ist das… nur schlimmer. Dennoch rufe ich Anna an, die mir fröhlich verkündet, dass es Luca gut geht… nur an den CPAP hätten sie ihn nehmen müssen. Ich werde hellhörig. CPAP… das ist eine Stufe mehr als die Flowbrille quasi. Ein Ticken mehr Unterstützung beim Atmen. Und das einfach so… ohne Grund? Never ever.

Aber ich gedulde mich. Immerhin haben meine Kollegen das Kind ja im Blick und die Oberärztin hat es auch gesehen. Achja, sagt Anna… das IL-6, ein ganz früher Marker für bakterielle Infektionen sei ein wenig erhöht, aber das Kind sähe überhaupt nicht danach aus. Ich… verschlucke mich an meinem Kaffee. Irgendwie… ist das nicht gut.

Der Weg zur Klinik erscheint mir lang, trotzdem ich müde bin. Nacht 6 von 7.. die stellt man sich irgendwie anders vor. In der Umkleide werfe ich meine Sachen in den Spind und gehe zu schnell über den Flur. Anna ist nicht zu sehen… aber dafür Christel, Lucas betreuende Schwester, die mich heran nahen sieht. Ihr Gesicht ist verkniffen irgendwie, die Lippen schmal, eine Falte über der Nase.

„Irgendjemand muss sich jetzt dieses Kind anschauen.“ sagt sie kurz angebunden und schleift mich am Arm in das Zimmer. Lucas Eltern stehen um sein Bett und schauen auf ihn herab… ich seh die Sorge in ihren Augen stehen. Luca liegt da mit dem CPAP auf der Nase… die Haut fahl… reglos. Krank. Jetzt braucht man kein Gefühl mehr, um es zu sehen. Die Eltern schauen mich an, während mir Christel wortlos die Dinge reicht, die man für eine Zugangsanlage braucht.

„Scheiße.“ denk ich. Manchmal gibt´s einfach keine besseren Worte… da hilft fluchen… oder man bildet es sich wenigstens ein. Die Zugangsanlage klappt nicht. Wenn ein Mensch so sehr krank ist wie Luca, dann geht der Blutdruck in die Knie und der Körper stellt die äußeren Blutgefäße eng, um weniger versorgen zu müssen und so den Blutdruck in den lebensnotwendigen Bereichen aufrecht zu erhalten. Die Haut… ist nicht lebensnotwendig. Aber wenn da kein Blut fließt ist es auch schwer in die ohnehin kleinen Venen noch einen Zugang zu pieksen.

Also muss die Oberärztin ran. Anna kommt herein und ich schau nur, während sie stumm zum Telefon greift. Ich höre sie auf dem Flur mit der Oberärztin diskutieren, ob das denn wirklich stimmen würde *WTF*?!?!?! und würde am liebsten Dinge um mich werfen. Anna spricht ein Machtwort und legt auf.

Ich schau derweil auf Luca herab und denke… die Nacht kann ja noch heiter werden mit uns beiden.

To be continued…