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Ausgehend vom letzten Beitrag will ich gerne zwei weitere verfassen. Der erste folgt hiermit… eine Erinnerung irgendwann vom Anfang meiner Intensivzeit. Es heißt ja immer, wir wären immer nur dabei, wenn´s schlimme Dinge zu sehen gibt und sähen als Pädiater nie, dass es auch einfach und unkompliziert geht. Auf die Masse der gesehen Geburten trifft das natürlich zu, aber ab und an geht´s glücklicherweise auch anders 🙂 .

Nachtdienst.

Ich erwähnte es irgendwann schon mal. Ich mag die Nacht im Krankenhaus. Wenn die Hektik gestorben, die grellen Lichter des Tages gedimmt. Wenn alles ein wenig leiser ist, keine hallenden Stimmen und klackende Absätze im Flur, keine beständig klingelnden Telefone. Wenn die Uhren langsamer laufen… die Dunkelheit vor den Fenstern uns umhüllt. Ein bisschen kann es gemütlich sein… vermutlich kaum zu glauben für Außenstehende, aber dennoch ist es so.

Nachts, zwischen den Runden, in denen die Kinder versorgt werden, sitzen wir oft in der Küche, die Schwestern und ich. Manchmal läuft der Fernseher, manchmal wird geredet… irgendwann nach Mitternacht zusammen gegessen. Ab und an klingelt ein Alarm und durchbricht die Stille, aber die Geräusche sind nicht fremd… sie gehören dazu. Nachts ist man wie auf einer von diesen kleinen Inseln und um uns herum ist die Flut. Die Welt kehrt erst am Morgen wieder zu uns zurück.

Irgendwann nach Mitternacht klingelt das Telefon. Susanne ist dran, die Gynäkologin. Die Zwillinge wären gleich soweit, ob wir dann dazu kommen. Wir wissen natürlich von ihnen. Zwillinge in der 38. Schwangerschaftswoche. Beide liegen richtig und die Mama möchte es gern spontan versuchen, als am Mittag die Wehen einsetzen. Zwillinge sind einer von diesen Sonderfällen, in denen wir dabei sein sollen… und wollen. Ich würde per se immer wollen, aber in der Regel verträgt sich das schlecht mit meiner eigenen Arbeit.

Also gehen wir, Daniela und ich. Daniela ist eine der Schwestern… wenn´s wirklich Probleme gibt, sind vier Hände besser als zwei, aber wir rechnen eigentlich mit nichts. Im Kreißsaal ist es still. Von irgendwoher hallt leise das beruhigende Tocken eines CTGs… der Takt, zu dem die Welt sich dreht. Wenigstens diese heute Nacht. Die Wände sind gelb, das Licht gedimmt. Irgendjemand hat zwei Kerzen angezündet, die auf einer der Kommoden stehen und weil es dunkel ist, tanzen Schatten durch das Zwielicht von Kreißsaal 5 wie die Flammen eines Kamins. Sonst ist es ruhig… gemütlich. Die werdende Mama liegt auf dem Bett, irgendwas Mitte 30, eine schlanke Frau mit erstaunlich entspanntem Gesicht, der werdende Vater an ihrer rechten Schulter ein wenig nervöser, aber eher freudig… so wie man Weihnachten auf das Klingeln des Glöckchens wartet. Irgendwie ist´s für ihn ja auch wie Geschenke bekommen.

Wir sagen nur leise Hallo, Sonja, die Hebamme stellt uns kurz vor, dann verschwinden wir in unsere Ecke an den Wickeltisch unter der Wärmelampe. Man mag nicht stören in diesem Augenblick, es ist halt alles… stimmig, richtig so, wie es ist und man will sich einfügen in dieses Bild aus Licht, Wärme und dem Weg, den wir nun alle gehen.

Die Mama hat eine PDA bekommen, ich seh das Katheterende auf ihrer linken Schulter liegen… was ihre entspannte Miene erklärt. Wir legen uns nebenher die vorgewärmten Handtücher zurecht, dann warten wir schweigend. Es geht ganz konzentriert, aber nicht verkrampft. Sonja weist den Weg und die Mama… geht ihn. Ich bin kein Geburtshelfer und ich kenne die Schritte nur so ungefähr, aber es dauert nicht lang, da erscheinen die ersten Haare. Der Papa streicht ihr übers Gesicht… noch eine Wehe… und dann ist Nummer 1 geboren. Ein zarter, schlanker Junge, der sofort beginnt zu schreien, als er die kühlere Luft auf seiner Haut spürt. Die Mama lächelt. Ich auch… so ganz unwillkürlich… diese Lächeln, von denen man gar nicht merkt, das sie da sind… wie hingezaubert. Der Papa lächelt auch, so debil, wie man nur von Glückshormonen lächeln kann, während er die Nabelschnur durchschneidet. Dann kriegen wir das Baby, den Papa neben uns, während die Mama zuschaut, während schon die nächste Wehe kommt.

Mark soll er heißen, sagt der Papa, während wir das Kind kurz abtrocknen und dann nur noch eben in trockene Handtücher wickeln. Auf Papas Arm macht er schon die Augen auf… dunkle, große Augen, die sich zum allerersten Mal die Welt besehen. Baby Nummer 2 ist ein Mädchen… zwillingszart und ebenso laut wie ihr Bruder ihren Unmut über das Geboren werden kund tuend. Sonja schaut kurz zu mir… darf ich… und legt sie dann der Mama auf die Brust. Ich winke Daniela zum Gehen… alles gut.. und beschaue mir dann das Glück vor meinen Augen… freue mich daran teil haben zu dürfen, wie aus einem Paar eine Familie wird. Ein bisschen klingt es ja abgedroschen, wenn vom Wunder der Geburt gesprochen wird – mein Mann verdreht regelmäßig die Augen… Männer, aber er war auch noch nicht dabei. Für mich hat es immer noch Magie, einen Zauber, der sich mit dem Verstand nicht fassen lässt… und ich mag es ihn zu spüren… mich berühren zu lassen in all unserer Professionalität. Der Sterilität einer Klinik zu entfliehen, hier inmitten von gelb und Kerzenlicht und neu begonnenem Leben.

Dem Papa reich ich die Hand… Männer sind in der Regel so, mit der Mama lächel ich… leg ihr die Hand auf die Schulter, ganz kurz. Manchmal muss man gar nicht so viel sagen. Winke Sonja und Susanne. Und dann geh ich.

Einfach so 🙂 .

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