Schlagwörter

, , ,

Stress. Es ist irgendwann im Winter vor 2 Jahren und die Station voll. Nun, 2 Betten sind noch da. Das RS-Virus hat das Land voll im Griff und aus 90% der Zimmer röchelt und hustet es. Ein wenig zermürbend ist das, wenn man morgens Visite macht. Mehr Inhalation, Versuch mit weniger Inhalation, Sauerstoff rauf, Sauerstoff runter und vor jedem Zimmer rein in die gelben Einmalkittel, Mundschutz auf und Handschuh an.

Ich hasse arbeiten mit Mundschutz. Wenn man mal Knoblauch in der Cafete isst, narkotisiert man sich selbst mit seinen Atemgasen und dauerhaft unterversorgt mit Sauerstoff fühlt man sich auch. Leute im OP, wie haltet ihr das aus?

Für den Dienst ist die Bettensituation… ungemütlich. Wenn man mit 2 Betten jonglieren muss, macht das keine Freude. Wenn man wenigstens verlegen könnte, aber in den umliegenden Kliniken sieht das ganze auch nicht besser aus. Also werden die Aufnahmekriterien gelockert und bei jedem Kind neue logistische Überlegungen getroffen. Aufnahme oder keine Aufnahme, das ist hier die Frage. Ist das hier der Patient, für den das letzte freie Bett zu opfern ist? Und was ist, wenn danach noch einer kommt, der kränker ist?

Mitternacht. Die beiden Betten sind erfolgreich verteidigt… noch… als Frau Messerschmidt die Ambulanz betritt. Im Schlepptau sind ihre beiden Kinder, Paul-Jannik-Gustav, 5 Monate und Amalia-Elisabeth-Ludovika, 2 Jahre. Frau Messerschmidt ist P, wie sie zur erstbesten Gelegenheit verkündet… Hoch-P. Hätte sie aber gar nicht sagen brauchen, es strömt ihr quasi aus jeder Pore, jeder Geste… dem Blick, mit dem sie mich mustert.

Der Kleine hat ein bisschen Schnupfen – was ganz neues in diesen Tagen, die Große… ja, man weiß es nicht. Isst nicht, verkündet Frau Messerschmidt. Und jetzt mache sie sich größte Sorgen, der Kleine könne des Nachts ersticken. Paul-Jannik-Gustav hingegen macht sich keine derartigen Sorgen, denn der ist quietschfidel, fieberfrei und höchst niedlich, wie er da auf der Liege strampelt und mit seiner Rassel spielt, während seine Schwester daneben sitzt und ihm versucht den Schnuller weg zu nehmen, während ihre Mutter mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks „Nein“ sagt und doch nichts tut. Amalia-Elisabeth-Ludovika hat… nichts. Gar nichts. Gesundes Kind… eine Rarität zur Zeit. Aber Frau Messerschmidt ist not amused über diese Feststellung.

Frau M. *erbost*: „Wie, sie wollen mich nicht aufnehmen?“

Sophie *irritert guckend*: „Ähm, nein, das ist wirklich nicht nötig. Sie haben ja ein Inhaliergerät, ich schreibe ihnen alles nötige auf und dann gehen sie morgen nochmal zum Kinderarzt, wenn sie sich unsicher sind.“

Frau M.: „Hören sie mal, der Kleine ist zuhause fast erstickt! Das ist ja wohl gefährlich und außerdem…“ Weiteres Diskutieren. Sophie sieht ihre zwei freien Betten schwinden. „Sagen sie mal, ist denn kein Oberarzt im Haus?“ Ähm nein, der hat´s gut und muss sich nachts nicht mit so einem Mist herumärgern. „Nein, Frau M., der ist nachts nicht im Haus“ Immer höflich bleiben. Om…

Frau M. besinnt sich einer neuen Taktik. Mit großen Augen setzt sie an: „Und ich habe einfach Angst zuhause!“ Totschlagargument. Sophie hat ja ein weiches Herz… was soll man gegen Mutterängste sagen?

Sophie kapituliert. „In Ordnung Frau M., dann nehm ich sie und den Kleinen auf. Allerdings…“ Und das sage ich in weiser Voraussicht, wie sich gleich herausstellen wird. „…kann ich ihnen kein Einzelzimmer anbieten…“ Man erinnere sich… Super-P.

Frau M. atmet ein, stößt die Luft durch die Nase aus und sieht mich an… missbilligend. Äußerst missbilligend. Sophie hält inne. „Und was ist mit meiner Tochter?“ Wie jetzt? „Na, wie stellen sie sich das vor, junge Frau? Ich bin schließlich…“ Sie holt tief Luft und endet triumphierend. „Alleinerziehend!“

What the fuck?!

Sophie *bemüht freundlich*: „Frau M., ich kann kein Begleitkind aufnehmen, selbst wenn ich es wollte… ich habe nur noch zwei Betten in zwei verschiedenen Zimmern und es ist wirklich nicht meine Aufgabe…“

Falsche Taktik, ich merk es sofort. Frau M. schaut triumphierend und sticht mit dem Zeigefinger nach mir. „Ich hab´s gewusst! Sie wollten mich also nur deshalb nicht aufnehmen, weil sie keine Betten mehr haben! Mich und meinen schwerkranken Sohn!“

Ähm… hallo?! Hab ich das nicht gerade angeboten? Und während ich noch halb fassungslos, halb verärgert schaue, packt sie schon ihre schwerkranken Kinder, die derweil den Sauerstoffschlauch angesabbert haben. „Frau M….“ sag ich noch, irgendwie um Fassung bemüht, aber eigentlich schon sauer. „Lassen sie.“ winkt sie generös ab. „Sie können davon ausgehen, dass ich morgen ihren Chef besuchen werde, dessen Patienten wir zufällig sind.“ Sie schaut, als hätte sie mir gerade den K.O.-Hieb versetzt und rauscht dann, als ich nur die Augenbrauen hochziehe, aus der Ambulanz.

Als ich am nächsten Tag wieder komme, hat der Chef natürlich stante pede das erste freie Zimmer für Familie M. reserviert. „Die Kinder sind ja eigentlich nicht richtig krank.“ erklärt er mir leise, während die Schwester Mutter und Kinder ins Zimmer bringt und Frau M. mir einen siegessicheren Blick über die Schulter hinweg zu wirft. „Aber die Mutter kann nicht mehr.“

Ah. Ja. Danke Chef.

Advertisements