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… möchte ich zwar nicht Feuerwehrmann werden, aber es hat ja schon was… so voll cool mit einem Rettungswagen herum zu fahren. Das Martinshorn heult, das blaue Licht  flackert um einen herum und das Beste – alle müssen Platz machen! Dass am Ende der Straße dann aber auch ein Einsatz wartet, das lässt sich ja erstmal verdrängen, wenn man von draußen schaut sowieso und drinnen auch, wenigstens kurzfristig.

In meiner Fachrichtung ist es jetzt aber nicht so ganz gängig als Notarzt herum zu fahren und vor dem Facharzt schon mal gar nicht. Unsere Klinik allerdings kooperiert im Zeitalter der globalen Vernetzung mit drei weiteren Geburtskliniken, die alle keine Kinderklinik im Haus haben und wenn da mal Kinder schlecht sind, holen wir die ab. Genau, so richtig mit Rettungswagen und Sirene und allem, was dazu gehört.

Dennoch ist das in der Regel nicht unbedingt die Aufgabe der Assistenzärzte, was ja auch vernünftig ist. Gerade, wenn es um Kinder geht, die Atemprobleme haben oder etwas anderes mehr oder minder dramatisches, braucht man jemanden, der derartige Situationen auch sicher beherrscht. Intubieren beispielsweise ist etwas, das ich zwar prinzipiell kann, aber ich bete, dass ich das niemals tun muss ohne jemanden mit breiteren Schultern in meinem Rücken, der im Zweifel immer eingreifen könnte. Nun ja.

Manches Mal aber… aus welchen Gründen auch immer… da darf man dann auf einmal doch. In diesem Falle ging es um ein Kind mit einer Hypoglykämie, sprich einer Unterzuckerung. Das Kind war schon ein paar Stunden alt, aber durch sämtliche konventionellen Maßnahmen (sprich: Füttern) war es nie gelungen den Blutzucker über 50 mg/dl anzuheben. Das ist insofern doof, als dass der Blutzucker die einzige Nährstoffquelle des Gehirns darstellt und dauerhaft schlechte Blutzucker nicht unbedingt…. nun… positiv für die Neuronen sind. Dazu war das Kind mit 35+4 SSW deutlich zu früh auf die Welt gekommen und mit 2530 g auch nicht mit übermäßigen Gewichtsreserven gesegnet. Solche Kinder neigen gerne mal zu Hypoglykämien, weil ihre Fähigkeit den Blutzuckerspiegel konstant zu halten, gerade innerhalb der ersten Lebenstage eher mäßig ausgeprägt ist.

Und weil das zwar nicht schön ist, aber auch nichts, womit ich nicht klar komme… und, so ganz nebenher, das oberärztliche Personal gerade akut beschäftigt war… da hielt man mich für würdig (und fähig) dieses Kind zu holen. Jaaaaa… so richtig mit Rettungswagen und Blaulicht und allem drum und dran.

Also machten wir uns auf, Schwester Daniela, der Transportinkubator und ich. Den schweren Medikoffer übernimmt die Rettungsassistentin, die das Auto fährt. Also drei Weibsen in einem großen Auto… ein Schelm, der böses dabei denkt. Der Transportinku und der RTW mögen sich überdies auch noch nicht besonders und das schwere Monster so auf die Halterung zu heben, dass es passt, ist nochmal ein Kunststück für sich. Also ächzen wir zu dritt, während die ersten Schweißperlen auf der Stirn sprießen… unter den amüsierten Blicken der Crew des Fahrzeugs neben uns – natürlich zwei Männer… weil sich das )(/%(/%(/&%(&/ der Transportinku dann noch verhakt und mir fast auf die Füße fehlt. Daraufhin fühlen sie sich dann doch bemüßigt mit anzupacken und keine fünf Minuten später ist das Ding verladen und wir auf dem Weg, während ich schon jetzt platt auf dem Beifahrersitz hocke und die ganze Aktion doch nicht mehr so cool finde.

Und dann kommt ja noch der Knüller. Nein – wir fahren natürlich nicht mit Blaulicht 😦 😦 😦 .

Den Kennern unter euch wird das sicher schon vorher aufgegangen sein, aber die Sophie ist ja naiv und so… *murmel*… und außerdem wollte ich gefälligst MIT Blaulicht fahren. So! Leider, leider ist unser abzuholender Patient stabil und es ist einfach nicht angesagt mit vollem Karacho und Krawall dorthin zu fahren. Ach Mönsch!

Hätte uns ohnehin nichts genützt, denn wie der Zufall so will, keine von uns war schon mal in dieser Klinik, die Liegendeinfahrt ist miserabelst ausgeschildert und es kommt, wie es kommen muss… drei Frauen… verfahren sich hemmungslos auf dem Klinikgelände. Unter weiterem männlichen Feixen inklusive diversen Männermachosprüchen („Hättense mal nen ordentlichen Mann ans Steuer gelassen… so große Autos sind nichts für so zarte Frauen wie sie!“) plus rückwärts die 10m lange Einfahrt wieder zurück – nein, wir haben nichts gerammt! – finden wir schließlich doch noch die ersehnte Einfahrt und eilen uns hinauf ins Kinderzimmer der gynäkologischen Abteilung.

Im Vergleich zu vorher ist die Versorgung des Kindes dann völlig unspektakulär. Kind angeschaut, Kurve zeigen lassen.

Sophie: „DAS war der erste Zucker?“ *zeigt auf eine haarsträubende 24 mg/dl in der Kurve irgendwann um Mitternacht*

Schwester *zuckt mit den Schultern*: „Joa…“

Sophie *knirschend*: „Und da haben sie es nicht für nötig gehalten mal anzurufen?“

Schwester: „Naja… hat er ja gegessen… und sehen se, der nächste war dann ja auch viel besser.“ *zeigt auf die nächste Zahl, eine 39*

Sophie: „….“ *zensiert* „Sonst noch was mit dem Kind?“

Schwester: „Naja, ein bisschen kalt war er auch, aber verstehen se, der ist ja auch klein!“

Sophie *starrt auf die 35,6°C Körpertemperatur in der Kurve*: „Ach nein. *ironie aus*. Und was haben sie da gemacht?“

Schwester: „Na… enges Bonding mit der Mutter!“

Sophie *japsend*: „Nicht ins Wärmebett?!“

Schwester: „Nö. Was wollen sie? Hat doch wunderbar geklappt! Danach waren´s 36,4°C“ *Anmerkung der Redaktion: gewünscht hätte ich mir sowas wie… 37,3°. Oder so*

Sophie denkt sich… Hopfen und Malz verloren, lass den Chef das morgen regeln. Die Zugangsanlage ist dann das kleinere Problem und gespannt schauen wir auf das Display des Blutzuckermessgeräts, das wir mit dem heraustropfenden Blut gefüttert haben. Blink – 36 mg/dl.

Die Schwester hat wenigstens den Anstand betreten zu schauen, während mir Daniela die Spritze mit der Glucoselösung reicht. Ein bisschen extra Zucker für das Baby, dann kommt noch eine Infusionsleitung dran und das Kind in den Inkubator. „Macht´s gut!“ säuselt uns die Schwester noch hinterher, während wir wortlos die Station verlassen.

Das Einladen des Inkus gelingt ebenso verbesserungswürdig gut wie auf der Hinfahrt, dafür fahren wir unfallfrei zurück. Natürlich.

Wenn auch ohne Blaulicht 😦 .

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