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Mit der Zeit ist das so eine Sache… hab ich beim letzten Mal gesagt. Jetzt zieht sich die Zeit wie Kaugummi, in der wir warten, dass die Antibiotika anfangen zu wirken. Man kennt das ja von sich selbst. Am eindrucksvollsten find ich das immer bei einem Harnwegsinfekt, die Frauen von euch kennen das wohlmöglich. Wenn´s so richtig los geht, dann möchte man ununterbrochen zur Toilette rennen, gleichsam von einem kaum zu unterdrückenden Drang wie von der Furcht vor dem fiesen Schmerz gepeinigt, der einen glauben lässt man pinkele mit jedem Tropfen eine Rasierklinge aus. 12h nach der ersten Tablette ist der Spuk vorüber.

So erhoffen wir uns das auch von Luca, aber 12h sind 12h und die können lang sein… sehr lang. Müde sind wir inzwischen und ich wünschte mir ein paar ruhige Minuten, in denen ich einfach mal ausruhen könnte. Sitzen kann ich, allerdings ohne Ruhe, dazu ist das Klingeln des Alarms viel zu gegenwärtig. Es gewinnt eine Art von spukiger Routine. Alarm geht, ausdrücken, eine Hand in den Inku, die andere ans Beatmungsgerät, mehr Sauerstoff rein…drücken, drücken, drücken… Hand raus, kurz durchatmen… und das Spiel beginnt von vorn.

Draußen ist es dunkel. Die Fenster gehen in den Garten hinaus, kein Licht, kein Motorengeräusch. Wir sind auf einer einsamen Insel, eine eigene Welt aus gedämpftem Licht, vertrauten Geräuschen, vertrauten Gesichtern… gestrandet in einer Welt aus Kämpfen und dem Willen nicht aufzugeben… Hoffnung… dass wir gewinnen für den kleinen Mann. Wenn man müde ist, dann gerinnt eine Nacht in der Erinnerung zu einer verqueren Aneinanderreihung von einzelnen Bildern… Szenen… ein dahin geworfenes Wort. Nachts ist man da, auf den Punkt, man kann sich zu jeder Zeit konzentrieren, wenn man muss… der menschliche Körper ist ein tolles Ding. Mir ist es aber auch schon passiert, dass ich mich an den Heimweg nicht mehr erinnern kann.

Dingdingding…! Geht wieder der Alarm. Christel tut… Hand rein, Inspirationstaste drücken… aber dieses Mal will es nicht so recht funktionieren. Ich springe von meinem Stuhl auf, während die blaue Ziffer für die Sauerstoffsättigung fällt und fällt und fällt… 65…60…50. Die gelben Zacken im EKG werden immer weniger, die gerade Linie dazwischen länger und länger. Lucas Herz fehlt der Sauerstoff, um ordentlich zu schlagen. 45. Ich reisse die Klappen auf der anderen Seite auf und stecke die Hand in den Inku. Luca rührt sich nicht. Keine Bewegung… kein Atmen. 40. Im Licht ist seine Haut fahl, die Lippen blau. 35. Christel drückt jetzt eilig auf Inspiration, 100% Sauerstoff ist jetzt in der Atemluft, aber es tut sich nichts. 30. Kontrollierte Hektik bricht aus, Christel schnappt sich den Sauger und saugt in der Hoffnung, da wäre Sekret oder Milch oder irgendwas, das die Atemwege verlegt. Nichts. 20. Mit einer Hand greif ich nach dem Beatmungsbeutel, während ich mit der anderen die Sauerstoffbeimischung nach oben dreh. Den Beutel durch die Klappe zu bugsieren, dauert noch einige wertvolle Sekunden… und dann starren wir zu dritt wie hypnotisiert auf die blauen Zahlen, die nun in sekundenschnelle hinunterrauschen.

5… 4…   3…   2…    1…   0.

Die 0 besitzt eine Art von schrecklicher Faszination, von der Art, wie man etwas besieht, dass so furchtbar ist, dass man nicht weg sehen kann, selbst wenn man wollte. Diese eine Sekunde, in der die 0 am Monitor erscheint, ist ewig… als wäre die Zeit für einen Herzschlag eingefroren. Meister Hora, der die Zeit anhält. Lucas Herz schlägt noch… etwa 35 Mal pro Minute. Noch… und viel zu langsam.

Ich blinzle… und dann geschieht alles rasend schnell… muss schnell gehen. Ohne Rücksicht auf Verluste reisse ich Luca die CPAP-Maske vom Gesicht. Mir rauscht das Blut in den Ohren, ich hör mein Herz jagen, viel zu schnell, Adrenalin in meinen Adern… tocktocktock… aber Angst hab ich nicht, dafür ist gar keine Zeit. Man denkt nicht mehr in diesen Momenten… man handelt einfach… irgendwie. Die Beatmungsmaske landet auf Lucas Gesicht, während meine Finger mechanisch den Beutel drücken.. und wir auf das leblose Baby starren. Der Brustkorb hebt sich unter meinen Bemühungen… gottseidank, bedeutet es doch, dass es mir erfolgreich gelingt Luft in das Kind zu befördern. Die Sekunden dehnen sich ins Endlose… weiter machen und ich erinnere mich, dass ich etwas zischte wie… „Wage es ja nicht bei mir zu sterben!“. Verrückt, als ob Luca das hören könnte. Wir starren auf Luca, dann auf den Monitor. Nicht auf die Sättigungszahlen, denn die reagieren erst mit Verzögerung, aber auf die Herzfrequenz. Wären wir erfolgreich, dann müsste sie ansteigen… bittebittebitte… noch welche von den endlosen Sekunden und dann…

50…80…120.

Und Luca reisst die Augen auf und beginnt wütend zu kreischen. Tausend Steine fallen mir vom Herzen und jetzt… erst jetzt beginnen meine Hände heftig zu zittern, so sehr, dass ich sie kaum ruhig halten kann, während wir uns eilen den CPAP wieder anzubasteln.

Draußen ist es immer noch dunkel, als ich mich im Stützpunkt auf einen Stuhl fallen lasse und für einen Moment… einfach… sitze, die Augen zu… und wem auch immer danke, dass dieses Kind nicht unter meinen Händen sterben musste. Dann greif ich mir das Telefon und rufe Frau V. an.

Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte… es war sicher weder besonders nett, noch besonders höflich. Vielleicht war es auch deswegen, dass sie lapidar sagte: „Ach, kommen sie Sophie… so schnell sterben die auch nicht.“ Mein Kommentar dazu war SICHER weder nett noch höflich und vielleicht war ihr auch bewusst… nun, einiges bewusst. Wir kamen stillschweigend darüber ein über den Inhalt dieses Gespräches am Morgen kein Wort zu verlieren. Womit sie aber recht hatte war, dass wir es nun wohl bald geschafft hätten.

Und so ist es auch. Als 2 Stunden später die Sonne aufgeht, ist Luca über den Berg. Die Abfälle haben aufgehört… er bewegt sich. Die Haut hat wieder ein wenig Farbe. Und ich bin unendlich froh, dass die Nacht vorüber ist… und noch genauso viele Kinder auf der Station liegen wie am Abend.

Kurz vor Weihnachten ist Luca nach Hause gegangen. Ein ganz gesundes, süßes, niedliches, ehemaliges Frühgeborenes.

Das Leben kann so schön sein 🙂 .

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