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Anna geht und Oberärztin V. kommt. Grummelt und brummelnd und noch immer nicht an ein ernsthaftes Problem glaubend. Ein Virusinfekt, sagte sie am Telefon.

Ja sicher… Einbildung… und so*Ironie aus*!

Als V. allerdings einen Blick auf Luca wirft, da grummelt sie zwar immer noch, aber greift sich immerhin das Zugangszeug und versucht ihr Glück einmal… und zweimal… und nochmal. Und nochmal. Gibt´s nicht… aber geht nicht. Es geht einfach nicht. V. ist jemand, der unleidlich wird, wenn etwas nicht klappt und das hier klappt gerade so gar nicht. Dummerweise ist niemand da, dem sie die Schuld daran geben könnte, also werkelt sie leise fluchend vor sich hin (derweil wir die Eltern längst nach draußen geschickt haben, nicht, dass hier falsche Vorstellungen entstehen), während die ersten Schweißperlen auf ihrer Stirn sprießen. Christel und ich schauen wortlos zu.

Manchmal ist der Mensch ja ein fieses, bösartiges Biest und generell als Weibchen ist man es noch mehr… Frauen, seid ehrlich. Dementsprechend könnte ein kleiner, fieser Teil von mir ein gewisses Maß an Schadenfreude dafür empfinden, dass sie gerade die Suppe auslöffeln muss, die sie sich selbst eingebrockt hat… ginge es nicht auf Kosten des Kindes. Dass es das tut, macht es traurig… tragisch… ohne Worte. Innerlich hoffend, starren wir auf die Hände von Frau V., warten auf den Blutstropfen in der Nadel, der anzeigt, dass sie auf dem richtigen Weg ist… hoffen, dass das dünne Plastikröhrchen sich den Weg in die Vene bahnt… aber es will nicht.

Zahlreiche Nadeln liegen inzwischen auf dem Inkubator und wäre Galgenhumor nicht so völlig unpassend, hätte es was von Katastrophentourismus. Irgendwann gibt Frau V. auf, notgedrungen und pfeffert den letzten Zugang irgendwo ins Eck. „Dann geben sie die Antibiose halt über den ZVK!“ zischt sie und rauscht davon, vermutlich sich irgendwo einen Kaffee holen. So rum macht man das eigentlich nicht so gern, muss man doch vermuten, dass der ZVK der Ursprung allen Übels ist. Bakterien wachsen halt gern an Plastikmaterialien und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Katheter sich infiziert, schwebt immer über einem wie ein Damoklesschwert. Die Kehrseite der Medaille quasi. Dementsprechend ist das übliche Prozedere, den Bakterienherd zu entfernen, sprich den ZVK zu ziehen und die Antibiotika zunächst über einen normalen peripheren Zugang zu geben. Zugegebenermaßen… geht das jetzt nicht mehr, weil wir keinen Zugang haben und täten wir den ZVK ziehen, könnten wir keine Antibiotika geben. Schöne Scheiße.

Der beste Freund des Kinderarztes – der Taschenrechner – und ich rechnen die Antibiotikamengen aus und drücken den Zettel der Christel in die Hand, ehe ich mich auf den Weg mache Frau V. zu suchen. Wider jeden Erwartens ist die allerdings nicht in der Küche, sondern steht in Jacke und Mütze auf dem Flur. „Dann ist ja alles klar soweit.“ sagt sie kurz angebunden und -husch- ist sie von Station gezischt, während ich ihr sprachlos hinterher starre.

Derweil beginnt das Bimmelkonzert in Lucas Zimmer… ein Geräusch, das uns in dieser Nacht zum steten Begleiter werden wird. Fakt ist, die Abfälle häufen sich… werden mehr und mehr und mehr… die Herzschläge werden immer langsamer, die Abfälle der Sauerstoffsättigung immer tiefer. Es bedarf immer mehr Mühe, Luca zum weiter atmen zu animieren. Bei gesunden Frühchen reicht oft ein Streicheln über den Rücken oder ein  Griff an die Füßchen. Luca muss man immer heftiger stimulieren… immer mehr machen, damit er aus den Tiefs wieder hinauf taucht. Inzwischen steht einer von uns permanent am Kind, drückt den Knopf für die Handbeatmung am Beatmungsgerät, dreht Sauerstoff in die Atemluft… quittiert die fortwährenden Alarme.

Zwei Stunden später habe ich die Nase endgültig voll – und klingele nach Frau V. Die sieht die Notwendigkeit zu kommen eigentlich nicht so richtig ein… erst als ich ihr wütend mehr oder minder nahe lege ihren Arsch gefälligst in die Klinik zu bewegen, gibt sie nach. Wir legen derweil alles für eine Intubation bereit… die Meinung habend, dass ein Kind, das dermaßen instabil ist, einfach vernünftig beatmet werden muss, bis es ihm wieder besser geht. Man ist unruhig in der Zeit, in der man wartend… vom Kind zum Monitor zum Kind blickend. Sauerstoff… Inspirationstaste… Hand in den Inku und Luca anfassen. Auf die Uhr sehend. Sich wünschend, dass man die Verantwortung für ein Leben abtreten darf an jemanden, der die größere Erfahrung hat… wenigstens für eine Weile.

Eine Viertelstunde später ist die Oberärztin da, kam, sah… und intubierte nicht. Wir sehen uns an, Christel und ich… wortlos… sprachlos. „Ist doch ganz stabil.“ bescheidet Frau V. und beschließt: „Das Kind war noch nie intubiert, damit werden wir heute nacht auch nicht anfangen.“ Christel und ich… schauen. Da klopft sie mir auf die Schulter und verschwindet mit einem: „Melden sie sich, wenn was ist!“ wieder ums Eck.

Wenn ich das jetzt so schreibe, klingt der Fall ja ganz klar. In solchen Momenten ist es das aber nicht immer. Fakt ist, sie HAT die größere Erfahrung. Sie HAT schon viel, viel mehr solcher Kinder gesehen als ich. Sie sollte die Situation wenigstens besser einschätzen können als ich und vielleicht kann sie es auch. Also beginnt man zu zweifeln, ob die eigene Einschätzung wirklich richtig ist. Ob man sich geirrt hat… und sie Recht. So oder so… sie hat entschieden. Und jetzt müssen wir sehen, wie wir Luca durch die Nacht kriegen.

Der Alarm klingelt schon wieder – jeder, der schon einmal auf einer Intensivstation war, kennt den Krisenalarm. Dieses ohrenbetäubende Geräusch, bei dem plötzlich ein gewisses Maß an kontrollierter Hektik ausbricht… mal mehr, mal weniger, aber alle Welt läuft plötzlich. Bei Luca laufen wir nicht, weil permanent am Bett stehen. Zwei Leute… eine Schwester, ein Arzt… für ein Kind.

Mit der Zeit ist das so eine Sache. Manchmal verfliegt sie viel zu schnell und in anderen Momenten kriecht sie sich zu einer Ewigkeit zusammen, die einfach nicht vergehen will, so sehr man sie auch bittet.

To be continued…

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