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Nachtdienst.

Ich mag den Nachtdienst… eigentlich. Wenn die Flure still sind, die Hektik fehlt. Jeder, der nachts arbeitet, kennt die seltsame Stille… manchmal ist es fast friedlich. Dann sitzen wir im Halbdunkel im Aufenthaltsraum, essen, quatschen… gucken Blödsinn im Fernsehen. Je nach Arbeitsaufkommen wird das Strickzeug mitgebracht und ausgepackt und das beruhigende Klackern der Nadeln begleitet uns durch die Nacht. Ab und an geht irgendwo ein Alarm… weint ein Baby. Eine Welt für sich ist es und es gibt Nächte, da erscheint einem das Draußen seltsam surreal, Normalität wie ein ferner Traum… oder ist man schon aufgewacht?

Manchmal ist´s natürlich auch anders, die Nächte, in der uns einholt, was wir tun… die Intensivmedizin.

Erste Nacht… manchmal muss man hinsehen… und nicht weg. Es geht um Luca. Luca war mal klein, geboren in der 28. Schwangerschaftswoche mit gerade einmal 980g. Soviel wie 4 Pakete Butter. Jetzt ist er 3 Wochen älter und wir sind ganz glücklich mit ihm. Ein niedlicher kleiner Junge mit braunen Haaren und großen, dunklen Augen… liebe Eltern, die ihn auch sehr lieben. Weil es mit dem Essen noch nicht so gut klappt, hat Luca zwei Tage vorher noch einen zentralen Venenkatheter bekommen, quasi ein verlängerter Zugang, dessen Spitze am Herzen endet und der den entscheidenden Vorteil hat, dass er in der Regel nicht nach ein paar Tagen kaputt geht wie ein Zugang an der Hand. Im Atmen ist Luca schon ganz groß, er hat nur noch eine Flowbrille, eine Sauerstoffbrille, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, die ihn ein wenig beim Atmen unterstützt. Sauerstoff kommt da allerdings schon keiner mehr raus.

Morgens um 5 wird Luca plötzlich komisch. Komisch heißt… man weiß es noch nicht so recht. Nicht greifbar, nicht fassbar. Es lässt sich nicht so genau sagen, was einem eigentlich nicht gefällt, aber… er gefällt nicht. Nur ein Gefühl, das mich misstrauisch macht irgendwo im inneren. Eine Stunde später macht Johanna, seine betreuende Schwester ihn wach… und er macht einen Abfall. Abfall heißt in der Regel, dass das Kind aufhört zu atmen, wenigstens für eine gewisse Zeit und dass nach der Sauerstoffsättigung im Blut dann auch die beruhigenden 140-160 Herzschläge pro Minute immer weniger werden. In gewissem Maße ist das normal. Ein Frühchen darf das atmen ab und an vergessen, dann muss man es daran erinnern, dass es da noch etwas gibt. Für Luca nicht. Luca ist eigentlich schon viel weiter, viel stabiler… und das ungute Gefühl wächst zu einem Alarmiertsein heran. Irgendwas stimmt hier nicht, also nehmen wir Blut ab. Eine Infektion wäre ein Grund, das naheliegendste sogar, also schauen wir nach.

In Ruhe dann ist Luca wieder stabiler, schläft friedlich in seinem Inkubator und ich sehe auf ihn hinab und denke… nuja, vielleicht hat´s dich ja getäuscht. Anna, meine Kollegin kommt zur Übergabe und ich warne sie noch vor Luca… aber bald haben wir ja Blutergebnisse. Im Auto überkommt´s mich dann wieder… dieses ungute Gefühl, etwas könnte nicht stimmen. Manchmal wird man paranoid. Der Patient in der Ambulanz, hatte der nicht doch was? Das Begucken des Patientenbretts auf Station am Morgen… steht der von gestern abend drauf? Hab ich etwas übersehen… und nun muss jemand dafür bezahlen? Das Gefühl ist nicht schön… jeder, der Verantwortung trägt, wird es kennen und die Verantwortung für Leben oder Sterben zu tragen, macht den Druck nicht kleiner. Ich rufe Anna an und frage nach den Werten, sonst könnte ich nicht schlafen… auch ein Erfahrungswert. Alles gut, sagt sie und für eine Weile bin ich beruhigt. Beruhigt genug zum schlafen.

Nachmittags wache ich auf… schon wieder unruhig und ich hasse es. Man sollte seine Arbeit nicht mit nach Hause nehmen, das ist ungesund. Irgendwann muss man abschalten können, sonst wird man völlig verrückt. Kennt ihr das, wenn man immer wieder zur Autotür geht um nachzusehen, ob man abgeschlossen hat? So in etwa ist das… nur schlimmer. Dennoch rufe ich Anna an, die mir fröhlich verkündet, dass es Luca gut geht… nur an den CPAP hätten sie ihn nehmen müssen. Ich werde hellhörig. CPAP… das ist eine Stufe mehr als die Flowbrille quasi. Ein Ticken mehr Unterstützung beim Atmen. Und das einfach so… ohne Grund? Never ever.

Aber ich gedulde mich. Immerhin haben meine Kollegen das Kind ja im Blick und die Oberärztin hat es auch gesehen. Achja, sagt Anna… das IL-6, ein ganz früher Marker für bakterielle Infektionen sei ein wenig erhöht, aber das Kind sähe überhaupt nicht danach aus. Ich… verschlucke mich an meinem Kaffee. Irgendwie… ist das nicht gut.

Der Weg zur Klinik erscheint mir lang, trotzdem ich müde bin. Nacht 6 von 7.. die stellt man sich irgendwie anders vor. In der Umkleide werfe ich meine Sachen in den Spind und gehe zu schnell über den Flur. Anna ist nicht zu sehen… aber dafür Christel, Lucas betreuende Schwester, die mich heran nahen sieht. Ihr Gesicht ist verkniffen irgendwie, die Lippen schmal, eine Falte über der Nase.

„Irgendjemand muss sich jetzt dieses Kind anschauen.“ sagt sie kurz angebunden und schleift mich am Arm in das Zimmer. Lucas Eltern stehen um sein Bett und schauen auf ihn herab… ich seh die Sorge in ihren Augen stehen. Luca liegt da mit dem CPAP auf der Nase… die Haut fahl… reglos. Krank. Jetzt braucht man kein Gefühl mehr, um es zu sehen. Die Eltern schauen mich an, während mir Christel wortlos die Dinge reicht, die man für eine Zugangsanlage braucht.

„Scheiße.“ denk ich. Manchmal gibt´s einfach keine besseren Worte… da hilft fluchen… oder man bildet es sich wenigstens ein. Die Zugangsanlage klappt nicht. Wenn ein Mensch so sehr krank ist wie Luca, dann geht der Blutdruck in die Knie und der Körper stellt die äußeren Blutgefäße eng, um weniger versorgen zu müssen und so den Blutdruck in den lebensnotwendigen Bereichen aufrecht zu erhalten. Die Haut… ist nicht lebensnotwendig. Aber wenn da kein Blut fließt ist es auch schwer in die ohnehin kleinen Venen noch einen Zugang zu pieksen.

Also muss die Oberärztin ran. Anna kommt herein und ich schau nur, während sie stumm zum Telefon greift. Ich höre sie auf dem Flur mit der Oberärztin diskutieren, ob das denn wirklich stimmen würde *WTF*?!?!?! und würde am liebsten Dinge um mich werfen. Anna spricht ein Machtwort und legt auf.

Ich schau derweil auf Luca herab und denke… die Nacht kann ja noch heiter werden mit uns beiden.

To be continued…

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