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…muss man aber nicht?

Der Henning fragt… und ich versuche eine ganz persönliche Beantwortung einer ganz besonders schweren Frage. Das Thema, wieviel in welchem Falle zu tun sei, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Fachrichtungen. In einer Zeit, in der die Medizin begriffen hat, das Lebensverlängerung um jeden Preis nicht das einzige Ziel sein sollte, das man im Blick behält, ist die Beantwortung dieser Frage vielleicht wichtiger denn je.

Viele schlaue Leute machen sich dahingehend Gedanken, aber jeder, denke ich, der mit Sterben und Tod in der eigenen Arbeitszeit konfrontiert wird, muss sich selbst darüber klar machen, womit er leben kann… und womit vielleicht nicht. Dementsprechend sind die folgenden Gedanken nur und ausschließlich meine eigenen ganz persönlichen, weder ein Dogma noch ein allgemeingültiges Statement… sondern einfach das, was in mir ist… ein Spiegel, geformt aus unzähligen kleinen Einzelfragmenten von Schicksalen, Gesprächen und Erlebnissen. Und wenn ihr was anderes denkt… wäre ich glücklich davon zu lesen, damit sich das Bild darin wohlmöglich wieder ein bisschen ändern darf.

In der Kinderheilkunde sind manche Dinge ja ein bisschen anders. In meiner persönlichen Vorstellung darf ein alter Mensch sterben. Privat trauere ich genauso wie andere Menschen auch, aber beruflich seh ich das mit ein bisschen mehr Distanz und für mich ist das in Ordnung… manchmal nicht, aber in der Regel denke ich… dass ist der Lauf der Welt. Menschen sterben. Und gar nicht selten ist es gut und richtig und kann am Ende sehr viel Leid ersparen.In der Kinderheilkunde ist es schwerer.

Ein Kind soll nicht sterben. Kein Elternteil sollte sein Kind begraben müssen und da ist viel wahres dran. Ein Kind hat noch nichts erlebt, noch nichts gesehen, noch nichts erfahren… noch nicht gelebt. Oder zumindest wenig. Das erste Mal die Welt entdecken, laufen, ein Traumschloss bauen, das erste Mal die Füße ins Meer stecken. Der erste Kuss… das erste Mal Sex. Ein eigenes Kind. Es ist einfach nicht richtig, dass ein Kind das alles nie erfahren soll. Und manchmal fällt es schwer in diesen Momenten… den Tod zu akzeptieren. Zu akzeptieren, dass es richtig ist… loszulassen.

Aber von Anfang an. Nominell sind wir in Deutschland verpflichtet ab der 24. Schwangerschaftswoche alles zu tun, wenn nichts schwerwiegendes dagegen spricht, wie ein mit dem Leben nicht zu vereinbarende Missbildung zum Beispiel. Zwischen der 23. und 24. Woche kann man sich gemeinsam mit den Eltern entscheiden alles zu tun… muss es aber nicht. Und darunter ist es ebenso. Das kleinste überlebende Frühchen in Deutschland wog 280g, wenn ich richtig informiert bin… ein wenig mehr als ein Stückchen Butter.

Die Entscheidung, wieviel zu tun ist, ist schwierig. Wieviel nimmt man in Kauf, um ein Leben zu retten? Welchen Preis ist man bereit zu zahlen? Und dürfen wir das überhaupt? Wichtig ist, den Moment nicht zu verpassen… in dem ein Mensch noch würdig sterben kann. Manchmal muss man kämpfen… kämpfen bis zum allerletzten Moment. Wenn uns das Kind zeigt, dass es noch will, dann kämpfen wir. Aber ab wann hört man auf? Ist ein Leben mit einer schweren Hirnblutung als schwerstbehindertes Kind noch lebenswert? Erheben wir uns nicht über die, die so ein Leben führen, wenn wir entscheiden… nein? Auf der anderen Seite… erspart man einem Kind nicht viele, viele Qualen… ihm und seinen Eltern?

Und obwohl man das alles weiß… weiß, dass es sinnlos ist… ein Leiden beendet wird… man nichts mehr tun kann, um ein Leben zu bewahren, fällt es mir schwer. Der Verstand weiß viele Dinge, aber im Herzen kann man sein Scheitern nur schwerlich akzeptieren… und oft genug fühlt es sich so an… bei den Kindern, nicht bei den Alten. Dennoch glaube ich daran, dass es falsch ist den Moment zu verpassen aufzuhören um des eigenen Egos Willen. Ich glaube an den Tod in seiner Rolle als Erlöser. Der Tod ist nicht immer unser Feind… er kann auch ein Freund sein, auch wenn man ihn nicht so sehen will.

Tatsächlich gibt es keine pauschale Antwort darauf, was man machen sollte und was nicht… man muss es jedes Mal aufs Neue entscheiden. Gemeinsam mit den Eltern… den Angehörigen. Dem Patienten selbst.

Und so lernen zu verstehen, dass nicht jedes Kind das Meer sehen darf. Aber die meisten.

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