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Ich beginne mit etwas mutmaßlich einfachem. Auf Annis Wunsch hin ein bisschen Alltag 🙂 .

Tatsächlich ist Alltag ein wenig relativ. Einmal ist eine Intensivstation immer für eine Überraschung gut – man werkelt vor sich hin und dann geht das Telefon und man läuft. Auf der anderen Seite arbeiten wir im Dreischichtsystem und jede Schicht macht ein bisschen andere Dinge. Aber starten wir…

…Willkommen auf der Neointensiv 🙂 .

7.15h Es gibt ja unterschiedliche Typen von Menschen, habe ich mal gelesen. Und weil man ja alles mit Beispielen aus Flora und Fauna beschreiben muss, nennt die Wissenschaft sie Eulen und Lerchen. Ich bin eine Eule. Wenn ich einmal im Rhythmus bin, schlafe ich lang und bleib lang wach. Um halb 6 aufzustehen ist dementsprechend eine üble Quälerei. Gähnend läuft die Sophie also auf Station auf, den direkten Weg zum Kaffeeautomaten nehmend. Aus dem Teil kommt seit dem Herstellerwechsel eine üble Plörre, aber man will ja nicht so sein. In der Not… womit wir wieder bei der Fauna wären. Mit Kaffee, Milch und zwei Tüten Zucker geht´s auf zur Übergabe.

8.00h Der Nachtdienstkollege hat´s gut, der darf nämlich jetzt nach Hause. In der Übergabe besprechen wir die kleinen Patienten, erzählen von Befindlichkeiten, den Einstellungen am Beatmungsgerät, die aktuellen Blutgase. Berichten von den kleinen oder größeren Katastrophen oder solchen, die es noch werden wollen. Und manchmal, da gibt´s auch die kleinen, wunderschönen Dinge, die das arbeiten liebenswert machen. Der kleine Tim, der zum ersten Mal aus der Flasche getrunken hat. Frau Finke, die voller Stolz berichtet, dass das mit dem Anlegen heute nacht richtig gut geklappt hat. Lena, mit der man nacht so schön kuscheln konnte.

8.15h Nach einem schnellen Huschen über die Station, Kurven und Kinder gucken, schreiten wir zum äußersten – und machen Visite. In der Regel geschieht das nicht in den Zimmern, weil es dabei erfahrungsgemäß immer ein wenig lauter zu geht – ich glaube ja, das macht der Frauenüberschuss. Mindestens zwei Weibsen auf einem Haufen produzieren immer Lärm und oft sind wir noch mehr, da ist dann die Schwesternschülerin dabei oder eine unserer PJlerinnen. Den Kindern tut der Krach aber nicht gut und deswegen sitzen wir in unserem hochmodernen Arztzimmer *hust* und machen das am Computer.

9.15h Zeit für die heiligste aller heiligen Zeremonien auf Station: Das Schwesternfrühstück! Wir Ärzte sind um diese Zeit völligstens abgeschrieben, zumindest wenn nicht gerade ein Notfall ansteht, und wehe, man wagt es zu stören, geschweige denn mit irgendetwas anzukommen, was Arbeit verheißt. Undenkbar! Also vertreibt man sich die Zeit, erledigt ungeliebte Anrufe, führt Elterngespräche, macht ein bißchen Schreibkram.

9.30h Der andere Fall tritt ein, wo man unter mehr oder minder größerem Unmut doch das Heiligste stören muss: Ein Kaiserschnitt. Während die Spontangeburten vonHebammen und Gynäkologen allein betreut werden, gehen wir zum Kaiserschnitt mit in den Kreissaal und versorgen die Kinder. In der Regel machen das eine Schwester und einer von uns Ärzten in Gemeinschaftsproduktion, denn wenn wirklich etwas ist, dann braucht man mehr als ein paar Hände. Natürlich geht das in der Regel gut, manchmal muss man aber auch ein wenig nachhelfen, damit das Kind auch erkennt, dass nun ein paar Dinge von ihm erwartet werden. Atmen zum Beispiel… wäre durchaus schön.

10.00h Im besten Falle ist um diese Zeit die Visite etwa fertig, im schlechtesten Falle kam irgendetwas dazwischen und man hat noch gar nicht weiter gemacht. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die aufhalten. Ein Zugang ist kaputt. Ein Kind ist wach und man muss das Blut abnehmen, bevor es wieder schläft. Eine Entlassung steht an. Sowas. Zeit kostet es dennoch und es gibt genügend Tage, an denen man doppelt existieren möchte, damit man seine Aufgaben auch alle unter einen Hut bekommt.

11.00h Nach der Visite kommt das, was ich wirklich gern mag. Der Besuch im Neugeborenenzimmer. Die meisten Kinder bekommen wir nur dort zu Gesicht, um die U1 und die U2 zu machen und das ist auch gut so. Das Haus ist geburtenstark und so kommen wir in den Genuss von vielen, vielen wunderhübschen, gesunden, rosigen, schreienden Babys. Ich liebe es! Gut, ich bin eine Frau und im besten hormonigen Alter, aber ich liebe es und ich stehe dazu. Ich betrachte es als ganz besonderes Geschenk – das Glück nicht den ganzen Tag von Krankheit und  Tod umgeben zu sein, sondern das Leben erfahren zu dürfen.

13.00h Wenn´s mal wieder länger dauert… aber in der Regel klappt es. Mittagessen. Aus mir unerfindlichen Gründen bin ich ein Vormittagsesser. Ich bin brav und frühstücke zuhause, aber in der Regel habe ich um 10 schon wieder Riesenhunger. Also behilft man sich mit Schoki und all dem ganzen anderen ungesunden Kram, der so in einem typischen Schwesternzimmer herum steht und wenn da nichts mehr ist, weil wir nicht entlassen haben – im Neugeborenenzimmer gibt´s immer was. Der Schichtdienst… ist einfach so ungemein schlecht für die Figur *hier bitte einen theatralischen tonfall denken*! Also bemühen wir uns zumindest regelmäßig Mittagessen zu gehen, auch wenn das Essen in der Cafete nicht immer allen Wünschen gerecht werden kann.

14.00h Die regulären Frühdienstaufgaben sind erledigt, also wäre nun Zeit sich mit allem zu beschäftigen, was liegen geblieben ist… in der Regel gibt es aber immer was zu tun. Aufnahmen, kranke Kinder, akute Probleme… ansonsten dokumentiert man. Schreibt ein wenig zum Tagesverlauf der einzelnen Kinder in die Kurven. Überprüft noch mal die Dinge, die für die Übergabe wichtig sind. Hat Dennis gut ausgeschieden? Ist Leonie immer noch ohne Sauerstoffbedarf? Wie klappt´s bei Julian mit dem Trinken? Solche Dinge eben.

15.00h Der Spätdienst kommt. Noch eben Übergabe machen… dann geht´s nach Hause.

Soweit, so gut – beim nächsten Mal dann was zum Spätdienst 🙂 .

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