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Als hätte er sich etwas ganz bestimmtes dabei gedacht.

Heute ist er gestorben… am Karfreitag.

Das erste Mal ist es gewesen, dass ich einem Kind beim Sterben zuschauen muss… hilflos… nichts, was ich hätte tun können.

Wir wussten es schon lange, wir und die Eltern. Schon direkt nach der Geburt war Henry ungewöhnlich schlapp und müde, die Atmung war ihm von Anfang an sehr schwer gefallen. Eine Stoffwechseluntersuchung brachte uns kurze Zeit nach der Entbindung auf die richtige Spur – Henry war krank… sterbenskrank. Keiner von uns wusste, wie lange es dauern würde, aber das es passieren würde, daran bestand von da an kein Zweifel mehr.

Für die Eltern war es ein furchtbarer Schock. Es war so schmerzhaft offensichtlich, wie sehr sie sich auf ihn gefreut hatten. Alles war vorbereitet, ein Bettchen mit einem grünen Betthimmel wartete auf ihn. Einen Stoffteddy hatten sie ihm gekauft und einen Kinderwagen zum Spazieren gehen. Unglaublich süße Strampler, Bodies und was ein Baby sonst noch zum Anziehen braucht. Und bald schon war es klar, dass Henry niemals nach Hause kommen würde. Der Stoffteddy wachte von nun an über ihn in seinem Wärmebettchen. Seine Eltern hatten ihn unglaublich lieb. Jeden Tag saßen sie stundenlang an seinem Bettchen, freuten sich über alles, was gut klappte, über jedes Lächeln, über jedes Öffnen der Augen. Sie hielten seine Hand, wenn er unruhig war und streichelten ihn, damit er wieder einschlafen konnte.

Wir haben lange mit ihnen gesprochen, ein trauriges, aber offenes Gespräch über alle Konsequenzen und von da an wussten ihr Verstand, dass Henry sterben würde. Aber im Herzen, da wussten sie es nicht. Vielleicht können Eltern es nie. Der Weg dorthin ist weit und lang und das Ende ist so sehr schmerzhaft, dass es einem das Herz zerreisst.

Heute ist Henry gestorben.

Sein Herz hat den letzten Kampf verloren.

Seine Eltern waren bei ihm, hatten ihn im Arm, haben ihn gewiegt und gestreichelt, ihn geküsst und ihm ins Ohr geflüstert, dass sie ihn so sehr lieben. Sie haben gelächelt, als sie ihm von den wunderbaren Momenten erzählt haben, die sie mit ihm erleben durften und geweint, als ihnen schließlich bewusst wurde, dass das Ende ihres Weges jetzt erreicht ist.

Geweint, als ihre Herzen schließlich doch noch verstanden.

Ich bin bei ihnen gewesen, ich und mein Oberarzt und die Schwester, die sich immer um sie gekümmert hat. Wir sind dabei gewesen, als Henrys Herz endgültig aufgehört hat zu schlagen… ganz friedlich sah er aus. Frei. Wir waren dabei, als die Eltern anfingen furchtbar zu weinen… als das vage Wissen um das Ende nun zur grausamen Realität wurde und doch Erlösung bedeutete.

Ich habe geweint, als Henry starb. Ich weine jetzt, während ich davon schreibe. Als Arzt… ein professioneller Dem-Tod-Begegner… im Wissen, dass das Leiden zuende ist.

Seltsam… nicht?

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