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9.40 Uhr

Zimmer 2, da liegt Justin mit seiner Mama. Justin hat noch Fieber, aber vor einer Stunde ein Zäpfchen bekommen und sollte jetzt eigentlich gut drauf sein – ist er auch, aber Ärzte mag er offenbar momentan nicht mehr. Er fängt an zu schreien, kaum dass wir das Zimmer betreten und rennt schnurstracks zur Mama, um sich bei ihr zu verstecken. Sowas sollte man nie persönlich nehmen – ist es nämlich in der Regel nicht. Ich lasse Justin erstmal in Frieden und bespreche mit der Mama in aller Ruhe Hintergründe und Therapie des Fieberkrampfes. David hat in der Nacht nur kurz was dazu gesagt, insbesondere, dass da in der Regel nichts gefährliches hintersteckt, weder eine Epilepsie noch ein Tumor oder sonstiges. Soviel Information reicht normalerweise für die Akutsituation. Verständlicherweise kommen Eltern und Kind meist maximal gestresst in der Klinik an, da macht es mehr Sinn Details am nächsten Morgen zu besprechen, wenn sich alle wieder beruhigen konnten. Die Mama ist eine Nette und nach 10 Minuten sind alle offenen Fragen beantwortet. Nun muss Justin wohl oder übel doch noch einmal herauskommen und weil er sich nicht beruhigen lässt, ziehe ich die Untersuchung so schnell wie möglich durch. Der Befund ist derselbe wie in der Nacht, ein banaler Luftwegsinfekt. Wenn alles gut ist und Justin so stabil bleibt, darf er morgen nach Hause.

9.55 Uhr

Zimmer 5, die kleine Elisabeth. Ihr geht´s immer noch nicht so richtig, sagt Schwester Agnes und schüttelt den Kopf. Sie braucht immer noch Sauerstoff per Nasenbrille und das mit dem Inhalieren klappt auch nicht so richtig. David steht auf Trockeninhalationen, wo man ein Spray drückt und das Pulver dann in eine Inhalierhilfe abgegeben wird. Am Ende sitzt eine Maske, die das Kind eng ans Gesicht halten muss. Hat den Vorteil, dass der gesamte Wirkstoff sicher eingeatmet wird und die ganze Inhalation nur ein paar Atemzüge dauert. Hat aber auch den Nachteil, dass viele Kinder, die das nicht von zuhause kennen, das ganze als beängstigend erleben – ich stelle mir das so vor, dass es doch recht klaustrophobisch ist, eine Maske eng aufs Gesicht gedrückt zu kriegen, wenn man ohnehin schon Atemnot hat – und sich dann wehren. Ob wir vielleicht nicht in den ersten Tagen feucht inhalieren können, fragt Agnes, also mit dem guten, alten Pariboy. Ich behalt´s im Hinterkopf, als wir zu Elisabeth ins Zimmer gehen. Sie sieht schlecht aus, blass, mit Ringen unter den Augen, eine Infusion läuft und Sauerstoff blubbert in einer Flasche an der Wand. Auch die Mama sieht müde und übernächtigt aus. Beim Abhören knistert und rasselt es noch überall, vor allem rechts. Nach ein paar Stunden Therapie kann man aber natürlich auch noch keine bahnbrechenden Verbesserungen erwarten. Das ist es auch, was ich der Mama erkäre – dass man trotz moderner Medikamente, Antibiotika, Inhalation, Infusion immer noch Geduld braucht. Sie versteht das auch… und hat trotzdem einen Lagerkoller. Da hilft nur ganz viel Verständnis und Unterstützung, es wird besser werden.

11.oo Uhr

Die Visite ist vorbei. Fazit: 10 Kinder noch da, 3 gehen. Und einer fehlt noch, der Fynn. Der Oberarzt hat gerade angerufen, dass er jetzt Zeit hat für den Verbandswechsel, also überprüfen Agnes und ich noch einmal schnell, ob alles bereit liegt, dann holen wir Eltern und Kind. Fynn mag nicht, er weiß zwar nicht so recht, was ihn erwartet, aber ihm schwant wohl, dass es ihm nicht gefallen wird – also fängt er an zu weinen und klammert sich beim Papa fest. Der Oberarzt kommt und nach einem letzten Messen der Vitalwerte geht´s auch schon los – je schneller Fynn schläft, desto stressfreier für ihn. Ein oder zwei Minuten später liegt er träumend auf der Liege und die Eltern gehen erst einmal nach draußen. Wir machen zügig den Verband ab, darunter ist die Haut großflächig abgeschält, an manchen Stellen klebt noch tote Haut, aber alles schaut so weit rosig aus – Glück gehabt, noch wirkt´s wie Grad IIa°, also keine Narbenbildung. Wir desinfizieren und reinigen die Wunde, dann holen wir die Eltern, damit sie einmal schauen können – verständlicherweise sind sie geschockt, aber dem Oberarzt gelingt es schnell sie zu beruhigen. Dann machen wir einen neuen Verband und übergeben einen selig schlafenden Fynn (mit Monitor) an seine erleichterten Eltern zum Ausschlafen.

11.30 Uhr

Die Maja hat sich schon um einen Teil der Entlassungsbriefe gekümmert und die verteilen wir jetzt, ehe wir uns an die übrig gebliebenen setzen. Wer gehen kann, der will in der Regel auch und wir brauchen die Zimmer, also sehen wir zu, dass wir das bis zum Mittagessen noch hinbekommen. Das ändert leider auch nichts am beständigen Strom der Schwestern, die uns freundlicherweise mitteilen, dass die und die Eltern aber unbedingt jetzt gehen wollen. Derweil klingelt das Telefon – Maja muss in die Ambulanz. Wirklich überraschend kommt das nicht – wohingegen für einige Eltern die mittäglichen Schließungszeiten der Kinderärzte wohl doch jedes Mal aufs neue überraschend sind.

12.00 Uhr

Ich übergebe gerade den letzten Brief an freudestrahlende Eltern, da seh ich eine Frau auf dem Flur stehen, neben ihr einen vielleicht 7-jährigen Jungen, der die typisch gekrümmte Haltung eines Bauchschmerzkindes aufweist und der seiner Mama ein bißchen apathisch zuschaut, während sie mit einem rosa Zettel winkt.

Eine Aufnahme….

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