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Manche Dinge kommen ja nie allein. Die meisten immer dreimal. Dreimal Ohrenschmerzen, dreimal eine Verstopfung mit konsekutivem (immer sofort heilendem) Einlauf… dreimal Alkoholintoxikation. Gut, eine fehlt mir noch zu meinem Glück, aber ich habe dieses Jahr das große Los gezogen und Silvester Dienst, also habe ich noch gute Hoffnung das Soll zu erfüllen 🙂 .

Dienstday, 23.00 Uhr

Der Pförtner ruft. Unten ist eine Mutter mit ihrer fast 14-jährigen volltrunkenen Tochter, die mit einem Arzt sprechen möchte. Okay…? Die Schwester geht mal gucken und da wird klar, warum die Mutter dahingehende Wünsche hat.

Die junge Frau kann nichts mehr. Gar nichts.

Ihr Bruder, der älter ist als sie, hat sie auf der Party gefunden, wo sie mit dem Wissen der Mutter hingehen durfte. Da lag sie draußen irgendwo auf der Straße, schon ziemlich ausgekühlt im eigenen Erbrochenen. Ein paar ältere Jungs hatten es wohl witzig gefunden sie nach allen Regeln der Kunst abzufüllen und haben sich dann im Anschluss fröhlich aus dem Staub gemacht.

Das Mädchen atmet noch, aber das war´s im großen und ganzen auch schon. Auf den Zugang, den ich ihr lege, reagiert sie mit einer ziellosen Abwehrbewegung. Auf der Glasgow Coma Scale, einer einfachen Skala zur Abschätzung einer Bewusstseinsstörung, kriegt sie von mir eine 7 – ab 8 abwärts kann man über eine Intubation nachdenken. Während die erste Infusion einläuft untersuche ich sie noch kurz… immerhin hat man wohl zumindest von außen geschaut nicht mehr mit ihr gemacht als sie abzufüllen. Eine Körpertemperatur von 35,2°C hat sie auch – ein bißchen später im Jahr und ein bißchen länger draußen und sie wäre still und heimlich erfroren.

Die Mutter steht betroffen daneben. Sie hätte letztens mal mit Freunden ein paar Zigaretten geraucht und sie hätten darüber geredet. Ganz vernünftig, sie und der Vater und das Kind. Dass Rauchen nicht besonders gut für die Gesundheit wäre. Und schädlich. Und uncool. Und so. Die Kleine war ganz einsichtig und hat versprochen es nie wieder zu machen. Komisch, dass ihre Klamotten so nach Zigarettenrauch stinken. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Aber wohlmöglich haben sie auch auf der Party geraucht, kann ja sein.

Über Alkohol haben sie auch geredet und das Mädchen hat hoch und heilig geschworen, dass sie noch nie was getrunken hat. Außerdem wäre trinken doch schädlich… gesundheitsgefährdend… und vor allem voll uncool, Mama! So ein verständiges Kind. Komisch… dass sie dennoch einen Wert von 1,82 Promille geschafft hat.

Ich mag die Mama. Sie ist nett, gebildet, arbeitet irgendwo in einem Büro. Ich seh, dass sie müde ist… und den leeren, hilflosen Blick in ihren Augen. Wir haben doch über alles geredet, sagt sie und es klingt wie ein Mantra. Ich habe doch eine liebe Tochter, die macht sowas doch nicht. Ihr Tochter, noch ein halbes Kind, schweigt, während der Monitor ein monotones, regelmäßiges Piepsen von sich gibt. Ich lebe noch, sagt er.

Am nächsten Morgen liegt das Kind im Bett, verkatert, aber lebendig. Und um ein paar Gehirnzellen ärmer. Es hätten noch mehr sein können. Meine Strafpredigt inklusiver sämtlicher unschöner Konsequenzen hört sie sich an, auf dem Gesicht dieses feiste, pubertierend-arrogante Grinsen.

Laber mal, Alte, is mir doch eh scheißegal.

Ihre Mama guckt zu mir herüber und sie merkt das und grinst noch mehr.

Was soll ich jetzt tun? fleht mich die Mama stumm an. Ich seh´s in ihren Augen.

 

Ich frage euch. Was würdet ihr tun? Mit dem Kind reden… mit den Eltern… oder doch das Jugendamt, das von einigen hier so verteufelt wurde? Ich bin ganz gespannt 🙂

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