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Ich glaube, ich erwähnte es an anderer Stelle bereits. Es gibt da so ein ganz bestimmtes Patientengut, dass in keiner Notaufnahme gern gesehen ist. Kriechend, komatös, kotzend, keifend und wenn auch ohne k – stinkend – das sind sie: die Alkis.

Wenn man es ein bißchen netter ausdrücken mag: Die Patienten mit Alkoholintoxikation.

Was ich damit zu tun habe, so als Pädiater, mag sich vielleicht jemand fragen. In der Tat ist es aber ein trauriges Faktum, dass die Zahl der unter 18-jährigen Alkoholleichen höher wird – genauso wie deren Promillezahl, während die Zahl des Alters immer tiefer sinkt. Inzwischen vergeht selbst in unserer Wald- und Wiesenklinik kaum ein Wochenende ohne mindestens eines von diesen Schätzchen und leider – das ist dann wohl tatsächlich unser alleiniges Los – auch mit deren Eltern. Die wissen oft gar nichts von den Wochenendaktivitäten ihrer Sprösslinge und schwören mir hoch und heilig, dass die nämlich sonst NIE trinken.

Is klar. Gespräch am letzten Wochenende:

Mutter: „Nein, nein, wissen sie, mein Sohn ist ein ganz Lieber, der trinkt NIE! Niemals! Ich weiß das ganz genau, der wohnt doch auch immer noch bei mir zuhause.“

Sophie guckt auf den 16-jährigen 120 kg Berg in grünen Army-Tarnhosen, der schnarchend auf seinem Bette ruht und dann auf den Laborzettel, der stolze 2,56 Promille verkündet.

Sophie: „Sie sind vermutlich auch immer noch wach und begrüßen ihn, wenn er um 5 Uhr morgens nach Hause kommt.“

Mutter schart wortlos mit den Füßen.

Noch schöner ist es, wenn man für so einen mitten in der Nacht aus dem Bett geschmissen wird und man genau weiß, dass man seinen nächsten Tag nun in tiefer Müdigkeit verbringen wird, um einem besoffenen Jugendlichen einen Zugang zu legen und ihm ein bißchen Glucoselösung zu gönnen. Wir sind ja auch Menschen – und ein schlafender Alki ist immer noch besser als ein krampfender mit Hypoglykämie. Das mag jetzt makaber und sarkastisch klingen und eigentlich bin ich gar nicht so – aber wem nachts um 5 schon von volltrunkenen Jugendlichen auf die Füße gekotzt worden ist, mag meinen Unmut nachvollziehen.

Denn immerhin, im Gegensatz zur Magen-Darm-Grippe, Bronchitis und Unruhe ist dieses Krankheitsbild schlicht selbstproduziert. Traurig find ich das. Und bedenklich. Natürlich, wir waren alle keine Unschuldsengel, ich auch nicht (obwohl ich mich nie so zugesoffen habe, dass ich die Peinlichkeit über mich ergehen lassen musste und in einer Notfallambulanz gelandet bin), aber diese Häufung momentan plus das schwindende Alter der Kinder macht mich doch sehr nachdenklich.

Zu guter Letzt, lustig können sie ja auch manchmal sein. Irgendwann im März, Sophie hat Dienst (und es ist erst 21 Uhr, gnädige Zeit –> gnädige Laune). Der RTW bringt eine 14-jährige samt Freundin, die so nett ist und aufpasst. Die Kleine ist schnuffelige 160 cm groß und wiegt ungefähr das doppelte von dem, was sie wiegen sollte, insbesondere wenn sich aufgrund mangelnder Körperkontrolle das ganze verteilt wie ein nasser Mehlsack. Kaum sieht sie mich brüllt sie auch schon los.

Schnuffelchen: „Isch schwör, rufen sie meine Eltan nischt an, Alta! Mein Vadda schlägt mich, isch schwör!“

Sophie muss schon grinsen (auch deshalb, weil die Freundin, die selber nüchtern ist, verständnislos den Kopf schüttelt): „Sag mal, wenn du doch weißt, dass deinen Eltern das nicht besonders gefällt, wenn du soviel trinkst, warum machst du denn dann solche Sachen?“

Schnuffelchen starrt mich an, als wär ich so dämlich wie blond und presst sich dann mit Mühe zwei dicke Krokodilstränen aus den Augen: „Ey, weissu, der Ali, der hat gesagt, wenn isch nich mit ihm trinke, dann p.o.p.p.t. der mich!“

Sophies Blick und der von Schwester Susi treffen sich und wir verlassen prustend den Ort des Geschehens.

Manchmal kann man einfach nicht ernst bleiben – oder es ist Galgenhumor.

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