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16.oo Uhr

Showtime. Sophie erscheint bestens gelaunt und höchst motiviert zum Dienst *hust*. Anstatt einer netten Begrüßung jedoch wird man zunächst komplett ignoriert – die Kollegen wuseln noch wild herum, während Nervosa, die Stationsleitung, sich darüber echauffiert, dass die PJler die Antibiotika immer noch nicht gespritzt haben, Anordnungen einfach so gemacht wurden und so weiter und so fort. Wenn man nix findet, wird sich halt was ausgedacht, das macht die Laune besser.

16.05 Uhr

Ah, man wird doch bemerkt. Der erste Griff geht zur Tasche und schwups ist der rosa Glitzerpager – gemeinhin Diensttelefon genannt – in meine Obhut übergeben. Wie kommt der bloß so rasch dahin? Der weibliche Frauenüberhang unter den Assistenten hat bereits demokratisch darüber abgestimmt das böse Dingen auch tatsächlich mit Glitzistrasssteinchen zu bekleben, aber die männliche Minderheit hat sich strikt geweigert – Spielverderber.

16.10 Uhr

Übergabe. Alle 2 Minuten platzt jemand herein, der unaufschiebbare Dinge geklärt haben will. Das Kind auf Zimmer 3 erbricht schon wieder, darf das Vomex haben? Achja, die Mutter auch. Und das Kind hat auf einmal so rote Pickelchen, da soll mal ein Arzt drauf gucken. Und bei der auf 2 sitzt die Frisur so komisch. Ja, so was eben. Derweil klingelt schon der Glitzerpager. Die Ambulanz. Ist ja auch klar, zwar haben die Niedergelassenen noch offen, aber da müsste man ja so lange warten.

17.00 Uhr

Die Kollegen verlassen glückselig und mit wehenden Fahnen die Klinik – es sei ihnen gegönnt. Auf Station werden die unaufschiebbaren Dinge geklärt, Elterngespräche geführt über Kinder, die man nur aus der Übergabe kennt, aber deren Anliegen nicht bis zum nächsten Morgen warten können („Mein Kind hat da auf einmal so einen komischen Knubbel… –> Lymphknotenschwellung am Hals“). Der Glitzerpager verlangt Aufmerksamkeit, also ab in die Ambulanz.

20.10 Uhr

Im Kühlschrank kühlt derweil mein Abendessen, während mir die Kehle austrocknet. Wasser gibt´s aber bloß auf Station und da war ich schon länger nicht mehr, also durchhalten. 16-jährige mit so einem komischen Gefühl im Hals – Virusinfekt. 3-jährige  mit komischen roten Flecken nach drei Tage Dauerfieber – 3 Tage Fieber. Mehrfachst Erbrechen und Durchfall – auch gerne erst seit einer halben Stunde.

22.oo Uhr

Der RTW bringt ein Kleinkind mit Fieberkrampf. Das Kind ist schon wieder befriedet, aber möchte trotzdem gern samt aufgelöster Mutter aufgenommen werden. Zugang legen ist mühselig – 1-jährige sind knuffig, Babyspeck nicht.

22.20 Uhr

Zugang ist reingepröckelt. Mutter ist nun völlig am Ende. Sophie schleicht sich zum Wasserspender und stiehlt einen wönzögen Schlöck, dann geht´s wieder in…

24.00 Uhr

…die Ambulanz. Draußen ist es schon dunkel und im Wartezimmer zertrümmern gerade drei schwerstkranke Kinder unter lautem Getöse den gerade aufgebauten Legoturm, während die Eltern dösend auf ihren Stühlen hängen.

2.00 Uhr

Alle weg. Sophie isst kaltes Abendbrot. Das Bett im Bereitschaftszimmer ist soooo gemütlich, bis um…

4.00 Uhr

… der Glitzerpager klingelt. Kind mit Ohrenschmerzen.

„Haben sie was gegeben *gähn*?“

Mutter schaut ratlos. „Nein, was denn?“

Kind heult und kriegt Nurofensaft. Die Ohren bleiben trotzdem rot, während die Mutter auf die Antibiotikaverweigerung unwirsch mit „Ja, warum sind wir denn dann eigentlich hier?“ reagiert.

Weiß ich auch nicht.

6.30 Uhr

Man könnte noch eine Stunde schlafen, stattdessen sitzt man oben auf Station und bespaßt ein kotzendes Kind, bei dem weder Vomex noch andere Hausmittelchen geholfen haben. Zugang liegt, Vomex läuft, Kind schläft. Mama geht mit Augenringen rauchen.

7.30 Uhr

Sophie schreibt Briefe. Oder versucht es immerhin. Guter Wille zählt schließlich und für grammatikalische Kreativität kann keine Verantwortung mehr übernommen werden.

8.00 Uhr

Meine Schätzchen! Hach, wie schön die Kollegen sind.. und so ansehnlich und so nett und so freundlich und sowieso für fünf Minuten der wünschenswerteste Anblick der Welt! Weg mit dem Glitzerdingens. Bis zum nächsten Mal.

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