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Es gibt ja immer so Dinge, vor denen man sich fürchtet. Bei denen man betet, dass sie doch bitte wenn überhaupt bei jemand anderem passieren mögen, am besten jemanden, der damit umzugehen weiß, aber nicht bei mir! Meine persönlichen Schauder-über-den-Rücken-laufenden-Patienten sind die Tonsillektomie-Kinder bei uns auf Station. Wir haben einen Beleg-HNO-Arzt, der sie operiert, der aber dann nicht im Haus schläft – sprich, wenn die Nachblutung dann kommt (an der schon Kinder gestorben sind), dann ist der Stationsarzt der Dumme, der Zugänge in das Blut spuckende Kind bekommen muss und dann den Absaugschlauch in den Hals hält und betet, dass das reichen möge, bis der HNO-Doktor zu Re-OP geeilt ist.

Ist mir zum Glück noch nicht passiert *klopf auf Holz*.

In meiner zweiten Arbeitswoche allerdings, Sophie stromerte auf Station herum und ahnte nichts böses, klingelte auf einmal das Telefon. Unser PJler war dran und mir fiel mit einem fiesen Gefühl, das sich in meiner Magengrube ausbreitete, ein, dass er gerade mit dem RSV-Säugling zum Röntgen gegangen war. RSV ist ein böses Virus, es macht eine Entzündung in den kleinen Atemwegen, der insbesondere den Kleinsten übel zu schaffen macht und der im schlechtesten Falle auch zumindest eine maschinelle Beatmung erforderlich machen kann. Dieses RSV-Kind war schon ziemlich krank und die beginnende Panik in der Stimme meines Studenten stimmte mich… nun… gegruselt. Im Hintergrund hörte ich ein Baby schrill schreien.

„Du musst sofort runterkommen, die Kleine hat schon auf 77% entsättigt und… ich weiß nicht, was ich machen soll.“

Nicht gut. Gar nicht gut.

„Ruf den Arzt an!“ sage ich. Hätte ich gern gesagt, denn in diesem Moment fiel mir siedend heiß ein – ich bin der Arzt. Zumindest dem Namen nach.

Gar nicht gut.

Auf der Treppe noch und ohne das Kind zu sehen, ruf ich meinen Neonatologie-Oberarzt zur Hilfe und hoffe, dass er schnell kommt. Als ich um die Röntgentür gebogen komme, schreit die Kleine nur noch wenig, aber immerhin. Das stetige viel zu tiefe Piepsen des Pulsoxymeters verrät mir zusammen mit dem Blick auf das blass-bläuliche Gesicht des Säuglings, dass man hier schleunigst was machen sollte. Sauerstoff aufdrehen – schon passiert. Und hat offenbar nicht viel gebracht.

Meinem PJler steht die Panik schon ins Gesicht geschrieben, in etwa so, wie ich mich selber fühle und die Röntgenfrau starrt mich hilfesuchend an, als wüsste ich jetzt genau, was ich machen soll. Mir fällt auch nichts besseres mehr ein, als das Kind hochzunehmen und zu versuchen, es irgendwie so zu beruhigen, dass irgendwie noch Sauerstoff in seine vollgeschleimten Lungen kommt.

Oh Wunder, es klappt. Halbwegs. Mir steht der Schweiß auf der Stirn, während die Töne des Pulsoxymeters langsam wieder in höhere Gefielde schweben. Als mein Oberarzt endlich um die Ecke biegt, fühlt es sich an, als wäre mindestens eine halbe Stunde vergangen, dabei waren es wohl höchstens zwei Minuten.

Ich liebe den Oberarzt – nennen wir ihn den Bären. Unglaublich schlau, unglaublich gut und eine Ruhe verströmend, die ansteckend ist. Danach schien plötzlich alles einfach zu sein, keine fünf Minuten später war das Mädchen geröngt und wieder auf die Station verfrachtet, während er noch nach links und rechts in aller Ruhe Anweisungen gab.

Ich hoffe, man wächst an solchen Dingen – vermutlich ist es so.

Aber in diesen Momenten fühlt es sich verdammt scheiße an.

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