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…gibt´s auch Schatten.

Er lauert überall in der Klinik, manchmal mehr, manchmal weniger sichtbar, in den Falten der Gesichter der alten Leute, der künstlichen Sorge ihrer Angehörigen, dem genervten Assistenzarzt. Jeder für sich ist schlimm – aber es gibt einen, der wenigstens für mich am furchtbarsten ist, der mir jedes Mal ins Herz sticht, der mich entsetzlich wütend macht und gleichzeitig unglaublich traurig.

Den in den Kinderaugen.

Die kleine Rike ist 4 Jahre alt. Große, blaue Augen schauen mich aus einem weißen Kinderbett an, als ich heute mit dem Chef zur Visite komme. Die roten Haare lassen das Gesicht fast genauso weiß wirken wie die Laken und ich erkenne zumindest Vorsicht… oder Angst. Und obwohl der Chef sich sehr viel  Zeit lässt und sich viel Mühe gibt- Rike spricht nicht mit uns. Sie guckt nur und ihre Blicke verfolgen uns, als wir schließlich wieder das Zimmer verlassen, als könnten wir uns an der Tür noch plötzlich umdrehen und uns auf sie stürzen.

Rike hat Bauchschmerzen und deswegen ist sie bei uns. Rike hat noch eine Pampers um und als sie später am Tag den Mund aufmacht, sehe ich, dass dort, wo ihre Zähne sind, nur noch braune Stummel zwischen den Lippen hervor ragen. Rike spricht schließlich doch noch, als ich schon fast nach Hause gehe, aber ich verstehe sie kaum – weil nie jemand mit ihr geübt hat, wie das geht, das Sprechen.

Rike traut sich nicht aus Klo – weil irgendein Mann, der der Freund ihrer Mama ist, ihr erzählt hat, dass böse Dinge aus der Toilette kommen, wenn sie sich drauf setzt. Also wagt sie es nicht und wenn es dann gar nicht mehr geht, dann macht sie lieber in die Hose – deswegen trägt sie auch eine Pampers.

Rikes Mama kommt sie nicht besuchen an diesem Tag und auch am nächsten und am übernächsten wird sie nicht kommen. Rikes Mama ist heroinsüchtig und macht gerade einen Entzug – ihre letzte Chance, sonst muss sie die Kinder hergeben. Als man Rike operiert hat, hat man sie im Schlafen untersucht, damit sie das nicht mitbekommt. Die Mutter steht unter Verdacht sich prostituiert zu haben, um an die Drogen zu kommen – und vielleicht hat sie auch ihre Kinder verkauft.

Rike hat noch 2 Geschwister, genauso großäugig und ängstlich und ohne einen einzigen gesunden Zahn im Mund. Ihre Augen sind alt, viel zu alt für ihren Körper, so alt wie jemand wird, der Dinge sieht und Dinge erlebt, die ein Kind niemals erleben sollte. Erwachsenenaugen im Kinderkörper.

„Bist du traurig?“ frag ich sie, als ich am Nachmittag mit ihr allein bin und mich zu ihr auf die Bettkante setze. Sie nickt, aber in ihren Augen sind keine Tränen mehr.

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