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Irgendwann während so eines Dienstes – nicht immer, aber ab einem bestimmten Punkt – stellt man sich zwangsläufig die Frage. Was will man jetzt? Schlafen oder Geld? Wenn dieser besagte Punkt gekommen ist, ist mir die Kohle scheißegal und ich will endlich meine Ruhe.

Und an genau diesen Tagen gibt´s die nicht.

Sonntag morgen, 9 Uhr. Sternenmond macht sich gemütlich auf in die Klinik zum Verrichten der niederen Aufgaben wie Blut abnehmen, Zugänge legen, wo der Diensthabende keine Lust hatte (also auf der Gefäßchirurgie) und Redons ziehen. Früher noch PJ-Aufgabe machen das in der PJ-Pause bis Ende August die Rufdienster – und werden im Gegensatz zu ihrem dasein als PJler hervorragend dafür bezahlt.

Nach gefühlten 50 Blutabnahmen, 10 Redons und 5 Zugängen bei Menschen, deren Venen schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben, war es aber erst 1 Uhr und weil es ja nett Geld gibt, geht Sternenmond lieber noch eine Runde in der Ambulanz helfen vor dem Heimweg gegen 3.

Um 6 klingelt zum ersten Mal das Telefon. Oberarzt K. aus der Unfallchirurgie denkt an geldnötige Studenten und ruft zur Frakturversorgung bei einer unglaublich niedlichen Dreijährigen. Nette OP, auch wenn ich nichts zu tun habe. Schnittinzision, Nagel rein, fertig. Bis die Kleine dann im Aufwachraum ist, sind trotzdem anderthalb Stunden vorbei und es ist insgesamt kurz vor 8.

Sternenmond ist langsam müde – und hat Hunger. Also schnell die Lasagne in den Ofen, der Duft verbreitet sich in der Wohnung und ich verbrenn mir die Zunge am viel zu heißen Käse, da – klingelt das Telefon. Es ist viertel vor 9.

Mit mieser Laune und schmerzenden Beinen wander ich zurück in die Klinik und entdecke den arteriellen Bypassverschluss in einem Ambulanzzimmer, wo mein Lieblingsanästhesist Michael gerade die Aufklärung macht. Meine Laune sinkt und sie sinkt noch mehr, als mir Oberarzt T. aus der Gefäßchirurgie entgegen kommt und verkündet, dass es lange dauern könnte, weil der Patient schon dreimal voroperiert ist. Sternenmonds Magen knurrt.

Wir waschen gerade den Patienten, als Chef erscheint, weil Oberarzt ein Einsehen hatte und fand, dass er Hilfe gebrauchen könnte. Chef ist ein Superoperateur, ein Chef der alten Schule, der jedem morgens noch die Hand gibt. Cholerisch ist er auch und poltert gleich herum, warum der Patient nicht marcumarisiert wäre. War er aber doch und zwar ausreichend – merke also, auch unter Marcumar bekommt man Thrombosen und Embolien.

Weil das seine Laune also nicht bessern konnte, ging es ans schwächste Glied am Tisch – den  zweiten Assistenten.

„Wer sind sie denn eigentlich?“ fragt er mich in einem Tonfall, der impliziert, warum ich die Unverschämtheit besessen und mich ihm nicht vorgestellt habe.

„Sternenmond.“ sagt Sternenmond mit einem freundlichen Lächeln. „Ich war vor drei Monaten noch 4 Wochen in ihrer Abteilung und habe da PJ gemacht.“

Peinlich, peinlich. Chef wird rot und still, weil er sich nämlich durchaus an mich erinnern kann – zu dieser Zeit waren wir nämlich all inklusive nur 5 Leute in der gesamten Abteilung und ich habe zum Teil tagelang nur mit ihm allein im OP gestanden stehen müssen.

Sternenmond hat bedeutend bessere Laune und Chef vergnügt sich damit, in atemberaubendem Tempo einen Embolus nach dem anderen aus dem Bypass zu entfernen. Nach 10 Minuten stimmt die Durchblutung wieder und Chef beginnt, einen kleinen Flicken auf die offene Arterie zu nähen, um sie wieder zu verschließen.

Gefäßchirurgische OPs sind wirklich filigranes Gewurschtel und heute ganz besonders, denn dem Chef reißt ständig der Faden ab, einmal, zweimal, dreimal. Schuld sind natürlich alle anderen, insbesondere der OP-Pfleger. Also schweigen wir alle lieber und warten, bis er den Flicken endlich auf der Arterie platziert hat.

Oberarzt hat auch keine Lust mehr auf den Chef und bietet ihm an schon mal zu gehen, weil wir auch alleine zumachen können. Inzwischen ist es halb 12 nachts, mir tut alles weh und ich will ins Bett. Chef verschwindet schon mal durch die Tür, während Oberarzt anfängt zu nähen. Das OP-Personal bringt schon mal die Instrumente in den Steri, während ich geistig abwesend das OP-Feld sauber tupfe und schon von meinem weichen Bett träume, während Oberarzt sich darüber echauffiert, dass der Patient nach Heparingabe und vorhergehender Marcumarisierung bei jedem Stich blutet wie ein Schwein.

Drittletzter Stich, vorletzter Stich, ein letztes Mal tupfen… und aus der Wunde schießt eine blutrote Fontäne sicher einen halben Meter hoch in die Luft, pulsierend im rhythmischen Piepen des Pulsoxymeters.

Eine Sekunde lang starren wir sicher alle wortlos darauf und begucken uns das Schauspiel. Oberarzt, der OP-Pfleger und ich, während das Blut neben mir viel zu schnell auf den OP-Boden tropft.

Und dann macht´s klick in meinem Kopf, während ich zur Leiste des Patienten rase und meine Finger mit vollem Körpergewicht in die Haut bohre – und der Springbrunnen versiegt fürs erste, während Oberarzt mit dem letzten am Tisch verbliebenden Instrument, der Fadenschere, die Wunde wieder aufreißt. Die OP-Schwester bringt hektisch ein neues Sieb mit Instrumenten, Oberarzt schafft es die Klemme auf die Arterie zu setzen – und wir haben Ruhe.

Meine Finger sind taub vom Abdrücken und ich seh die vom Oberarzt zittern vor Adrenalin, als er sich daran macht den Flicken wieder anzunähen, der unter dem Druck der wiederhergestellten Durchblutung abgegangen ist, weil Chef offensichtlich nach dem Malheur mit dem gerissenen Faden nicht sorgfältig genug gearbeitet hat.

Als wir um Mitternacht endlich fertig sind, bete ich nur noch, dass der Patient nicht nachblutet, ehe ich nach 11 ½ Stunden Klinik in mein Bett wanke.

Aber auch, obwohl ich mehrfach träumte, dass es das tat – das Telefon blieb stumm bis zum Morgen. Gottseidank.

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