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Jetzt ist es mir auch passiert. Ich hab´s verbockt und das Gefühl ist ziemlich mies.

Gestern kurz vor Dienstende: Es ist brütend heiß und ich muss noch eine Patientin aufnehmen. Sie kommt mit Luftnot, hat in der Ambulanz schon was dafür bekommen und liegt jetzt oben bei uns. Irgendwie ist sie ziemlich platt und ziemlich abwesend und als das Labor kommt, ist auch klar wieso: Mit einem Blutzucker von 45 wär wohl jeder platt.

Von den Schwestern hat sie schon Traubenzucker und was zu essen bekommen und jetzt ist der Zucker wieder besser, nur ist Frau S. noch nicht wieder ganz auf der Höhe. Dementsprechend fällt auch die Anamnese aus. Auf jede Frage bekommt man ein verträumtes „Jaaa“, aber keine Antwort.

Also guck ich mir Frau S. ohne Anamnese an und find sie gar nicht so schlecht dran. Luftnot hat sie nicht mehr nach eine Ampulle Bronchospasmin und Lunge und Herz klingen auch ganz in Ordnung. Ein winziges bißchen dicke Beine hat sie und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, das rechte wäre ein kleines bißchen mehr dick, aber es ist so wenig, dass ich das ohne andere Symptome mehr für Einbildung meinerseits halte.

Außerdem schreit Frau S. jedes Mal, wenn ich sie irgendwo anfasse, auch wenn ich eigentlich gar nichts mache (und sie auch nicht dement ist), so dass ein schmerzhafter Druck eigentlich an so gut wie jeder Stelle auszulösen ist.

Also beende ich das ganze und berichte meinem Stationsarzt, der mal wieder soviel zu tun hat, dass er mir erstmal glaubt und Frau S. in Ruhe lässt.

Bis heute morgen.

Da fällt in der Visite auf, dass das rechte Bein jetzt deutlich dicker ist als das linke und weil Frau S. jetzt wieder ordentlich orientiert ist, kann man auch eine Anamnese machen.

„Ja, Herr Doktor, das war so ein ganz plötzlicher Schmerz und dann hab ich auf einmal Luftnot gekriegt.“

Mir wird auf einmal mulmig und wir brauchen nur den Weg aus dem Zimmer, um in der Radiologie anzurufen und ein CT anzufordern.

Das Ende vom Lied ist selbstverständlich, dass Frau S. neben ihrer Thrombose rechts auch eine dicke Lungenembolie hat.

Natürlich kann man anführen, dass ich gestern keine vernünftige Anamnese machen konnte. Aber trotzdem ist da den ganzen Tag schon das schlechte Gewissen. Hätte ich es nicht trotzdem merken müssen? Hätte ich nicht meiner Wahrnehmung mehr Bedeutung zumessen sollen? Hätte ich nicht wenigstens mal auf die Idee kommen können, dass da mehr ist als die Hypoglykämie?

Gut, der Ambulanzarzt hat die Idee wohl auch nicht gehabt und der Wieland sagt natürlich, er ist schuld, weil er die Patientin nicht mehr angeguckt hat.

Fakt ist aber, er hat´s nicht mehr gemacht, weil er mir vertraut hat, dass ich das schon vernünftig mache. Weil er meiner Einschätzung vertraut hat und die war nun leider falsch. Jetzt am nächsten Tag erscheint das alles so klar und logisch, dass ich mich ernsthaft frage, ob das gestern nicht auch schon so gewesen wär und ich nur nicht genug hingesehen habe. Vielleicht war ich zu flüchtig und nicht gründlich genug, weil´s schon so spät war oder so heiß.

Davon abgesehen geht es Frau S. gut (wär es ihr gestern schlechter gegangen, als es ihr ging, hätte ich sicher auch an mehr gedacht) und es wird für sie auch nicht schlechter enden, weil ihre Therapie nun einen Tag später begonnen hat.

Schuldbewusst bin ich trotzdem und dass ich nur der PJler bin, ist auch keine Entschuldigung. Noch eine Woche, dann bin ich fertig und mit der jetzigen klinischen Erfahrung werde ich auch ins Berufsleben starten. Jetzt versuche ich halt, daraus zu lernen und es als Erfahrung zu verbuchen. Den Fehler nicht zu wiederholen.

Aber der fade Beigeschmack bleibt trotzdem.

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