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Heute kam Herr S. zu uns auf die Station. Am Nachmittag, wo bei brütender Hitze ohnehin jede Motivation zum Arbeiten fehlte. Herr S. ist Alkoholiker. Seit einem halben Jahr trinkt er mehrere Flaschen Bier am Tag, manchmal fünf, manchmal zehn. Außerdem hat er noch mehr gesundheitliche Probleme, die nichts mit seinem Alkoholkonsum zu tun haben und weil es ihm insbesondere deshalb zuträglicher wäre aufzuhören, hat er beschlossen einen Entzug zu machen.

Nachdem der Patient auf Station war, dauerte es keine fünf Minuten, da wussten alle Bescheid. Die Schwestern beschwerten sich über den Diensthabenden, der nach einem Pflegefall und einer Übernahme von der Intensivstation jetzt noch so ein Ei auf die Station gelegt hatte. Stationsarzt Wieland verdrehte die Augen und beschwerte sich ebenfalls über den Diensthabenden – und Sternenmond machte mit, weil sie schon genau wusste, wer die unangenehme Aufgabe erhalten würde den Patienten aufzunehmen.

Ich ging also ins Zimmer, bei gefühlten 35° C im Raum und traf auf ein stark schwitzendes, zitterndes Häuflein Elend von ungefähr 40-jährigem Mann, dem seine Flaschen Bier, die er seit dem Abend nicht mehr angerührt hatte, sichtlich fehlten. Zumindest körperlich.

Meine Motivation, diesen Mann anzufassen, war selbstverständlich grenzenlos.

Ich gestehe, ich habe eine Abneigung gegen Alkoholiker. Wenn man ehrlich ist, die meisten von ihnen stinken (nach Alkohol oder anderen Dingen), sind dreckig und von ihrer Persönlichkeitsstruktur auch nicht das, was ich als angenehmen Zeitgenossen beschreiben würde. Dazu kommt mein Unverständnis dafür, wie man sich selbst und unter Umständen seine Familie so kaputt machen kann. Kurz gesagt: Ich mag sie nicht.

Dieser da stank zwar nur nach Zigarettenrauch und Schweiß, aber dafür hatte er überall Schweiß, feucht und glitschig wie die Hand, die er mir gab und ich wollte ihn wirklich – ganz wirklich – gar nicht untersuchen. Aber er guckte mich auch an, mit großen, hilfesuchenden Augen. Ein kranker Mensch, der Hilfe sucht und der hofft, dass ich ihm helfen kann – und helfen werde. Es fällt mir oft schwer anzunehmen, dass sie wirklich krank sind. Nicht vom Verstand her – aber mein Gefühl sagt mir, dass sie doch nur selber schuld sind.

Zu werten steht mir aber nicht zu. Sicher, jeder von uns macht das und zwar immer und zu jeder Zeit. Nur so kann man sich Urteile bilden und Entscheidungen treffen.

Aber man darf sich nicht davon beeinflussen lassen.

Vielleicht haut er ja morgen schon wieder ab und steht in drei Monaten wieder auf der Matte. Aber das ist in diesem Moment nicht so wichtig.

Ich hab mir gedacht: „Schau, dieser Mann ist krank und du kannst ihm helfen.“ – dann ist einfach manchmal doch einfacher als erwartet.

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