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…ein bisschen über die Selbstständigkeit.

Heute war mal wieder einer dieser Tage. Der Assistenzarzt von meiner Station, nennen wir ihn Wieland, hatte Dienst. Wenn Wieland Dienst hat, dann machen wir morgens eine schnelle Übergabe und er gibt mir ein paar Dinge, die ich im Laufe des Tages erledigen soll, ehe er ins wohlverdiente Frei geht.

So auch heute. Um 10 Uhr war er weg und Sternenmond ganz allein auf der Station. (Noch) wohlgemut setzte ich mich ans Diktiergerät, lauschte meiner gefühlten Micky-Maus-Stimme beim Zurückspulen, fabrizierte ein mehr oder weniger gelungenes Diktat (wie gelungen wird man dann morgen sehen) und hoffte auf ein frühes Frei durch vorsichtiges Schleichen aus dem Haus.

Wären da nicht Oberarzt Wolf gewesen, der gegen Mittag entdeckte, dass ich mich des Telefons meines dahingegangenen Stationsarztes bemächtigt hatte – und die Schwestern.

„Du Sternenmond, der Patient möchte was zum abführen, kann er da was kriegen? Du, der Patient hat Schmerzen… kannst du da nicht eben was aufschreiben?“

Nein, kann ich nicht. Der unbestreitbare Vorteil des PJler-Daseins ist, dass man nichts entscheiden muss. Der unbestreitbare Nachteil des PJler-Daseins ist, dass man nichts entscheiden darf.

Sternenmond, du führst ja jetzt für heute die Station. Sicher.

Ich könnte sehr wohl etwas aufschreiben und im Normalfall habe ich sogar eine Vorstellung davon, was ich aufschreiben müsste. Aber gefangen in einem Status zwischen Student und Arzt sein darf ich so was nicht. Das Ende vom Lied ist, dass ich für jeden Mist den Oberarzt konsultieren muss, wenn Wieland nicht da ist. Auch für so etwas Banales wie ein Abführmittel.

Hätte man mich vor dem Anfang des PJ gefragt, hätte ich gesagt, dass ich schon ein bisschen Angst vor meiner Zeit als Assistenzarzt habe. Angst, weil ich mich durch mein Studium miserabel auf den Klinikalltag vorbereitet fühle und Angst, weil eine falsche Entscheidung im schlimmsten Fall tödliche Konsequenzen haben könnte. Angst davor, den Arbeitsalltag nicht bewältigen zu können und nicht zu wissen, was ich tun soll. Respekt habe ich immer noch. Ich glaube, es wird auch noch lange dauern, bis er sich verliert und vielleicht tut er das auch nie komplett. Aber während des letzten Jahres habe ich auch gelernt, wie toll es ist endlich selbstständig Entscheidungen treffen zu dürfen. Ob zum Guten oder zum Schlechten – aber ich darf es und auch wenn ich am Ende dann dafür gerade stehen muss, nach 6 Jahren kann ich endlich selber machen. Es ist so unglaublich lästig, zu wissen, was zu tun ist, aber regelmäßig durch das ganze Haus telefonieren zu müssen, um jemanden zu finden, der die Entscheidung absegnet.

Auch wenn es Adrenalinschübe und Schwitzen bedeutet – ich freu mich, wenn alles vorbei ist und es endlich losgeht – mit dem Erwachsen werden.

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