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…ein bisschen über den Tod.

Er begegnet einem ziemlich oft, wenn man in einem Krankenhaus arbeitet, manchmal mehr, manchmal weniger, aber präsent ist er immer und man kommt eigentlich kaum umhin sich ein paar Gedanken darum zu machen. Das ist vielleicht der erste Gedanke: Die meisten Menschen machen sich kaum welche. Der Tod wird totgeschwiegen. Seltsam nicht? Das einzige, was uns alle einholen wird, irgendwann und wir schieben den Gedanken soweit wir können von uns fort. Schon das Älterwerden ist eine Bedrohung, bekämpft mit Faltenunterspritzung, Botox und Silikonimplantaten. Als könnte man ihn dadurch von sich fernhalten… als würde der Tod sich für die äußere Hülle interessieren.

Der Tod ist der Feind. Bekämpfe ihn mit allen Mitteln. Wo der normale Mensch ihn mit den Mitteln der plastischen Chirurgie von sich fern zu halten versucht, tun wir es mit den Kräften der modernen Medizin. Dabei stimmt das gar nicht. Zumindest ist es das, was ich glaube.

Irgendwann, und das klingt jetzt hochphilosophisch, wandelt sich der Tod – vom Feind zum Erlöser. Manchmal kommt dieser Punkt sehr spät, in der Pädiatrie zum Beispiel. Manchmal kommt dieser Punkt relativ früh… und dann wissen es die Patienten meist früher als man selbst. Lebensmüde nennt man das. Manchmal muss man loslassen können – und das ist mitunter sehr schwer. Besonders für die Angehörigen (und ich weiß, dass es mir in diesem Moment ähnlich ergehen würde), aber auch für uns, die sie begleiten. Der Verstand verliert einfach manchmal doch gegen das Herz.

Ich erinnere mich noch sehr genau an eine alte Patientin auf der Intensivstation. Sie hatte ein Geschwür im Magen, das nach und nach unbemerkt ein Loch in die Magenwand gefressen hatte – und als man es merkte, war es schon zu spät. Sie lebte noch, bis zur Unkenntlichkeit aufgequollen von Infusionen und ihrer Blutvergiftung, weil wir ihr unaufhörlich kreislaufstabilisierende Medikamente gaben. Und irgendwann, als abzusehen war, dass sie sich niemals wieder erholen würde, gab ihr Ehemann nach knapp 50 Ehejahren unter Tränen die Einwilligung ihrem Leid ein Ende zu setzen. Er wollte nicht dabei sein, nachdem er sich verabschiedet hatte, also blieben wir, der Oberarzt und ich und stellten die Medikamente ab. Ich habe noch nie jemanden so schnell sterben sehen. Und obwohl es richtig war, war es furchtbar zu sehen, wie der Ehemann seine Angst vor dem Alleinsein für seine Frau in einem letzten Akt der Liebe überwandt und sie sterben ließ.

Wäre ich allein gewesen, ich hätte geheult.

Manche werden jetzt sagen, daran gewöhnt man sich und das ist sicher richtig. Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das möchte. Denn solche Erlebnisse machen mir immer wieder nachdrücklich klar, wie wertvoll ein Menschenleben ist – und dass, obwohl es für uns vielleicht nur irgendeine alte Omi ist, es für jemand anderen ein geliebter Mensch war, dessen Verlust unendlich schmerzt.

Dass jeder Mensch Respekt verdient.

Und dass ich ganz am Ende, wenn es soweit ist, ohne Angst auf ihn warten kann.

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