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Und weil ich selbst so selten zum schreiben komme, hier mein Artikel des Monats.
Inhaltlich zugehörig zu dem darunter stehenden macht es mich nachdenklich, glücklich… alt. Die Momente, in denen ich mich älter fühle als meine Freundinnen, die ich noch aus Schulzeiten kenne. Und dankbar, dass ich dieses Gefühl erleben darf – das Wissen darum, wie gut es einem trotz allem geht, auch wenn man manchmal denkt, dem wäre nicht so.
Isses aber.
Ich mag dieses Konzept vom aufgeklärten Patienten. Wirklich.
Gut, dass zumindest in der Theorie die Zeiten vom Halbgott in weiß Vergangenheit sind (bei älteren Herrschaften auch eher weniger… aber das ist eine andere Geschichte).
Was ich nicht mag ist diese beratungsresistente Besserwisserei. Das geht in der hausärztlichen Praxis los, wo man unbedingt ein Antibiotikum bei Schnupfen braucht, weil man ja so furchtbar krank ist und nur so wieder gesund wird und reicht bis zu den Impfgegnern, die man gern zum Mond schießen möchte. Das gibt es sicher überall… aber manchmal glaube ich, gerade in der Medizin nimmt das erstaunlich überhand.
Ich finde gut, dass man sich informiert und auch informiert werden möchte. Was ich nicht gut finde ist, wenn man nach dieser Information immer noch glaubt, alles besser zu wissen. Da wird in irgendwelche obskuren Internetforen geschaut, bei Wikipedia nachgelesen (wobei das zugegebenermaßen an sich gar keine schlechte Informationsquelle ist) oder die Frau Müller vonna Fleischtheke im Supermarkt gefragt. Ganz abgesehen von der Tochter der besten Freundin der Schwiegermutter, die das auch schon alles hatte und ein todsicheres Mittel dagegen kennt.
Gegen diese Experten ist das Wissen des gemeinen Mediziners schlicht nutzlos.
Solariumsbräune macht aber auch Hautkrebs, Frau Meyer… aber Herr Dokta, ich bin doch sonst imma so furchtba blass und das sieht einfach so ungesund und hässlich aus! Wie ´ne Leiche!
Sie müssen unbedingt abnehmen. So ist das schlecht für ihren Bluthochdruck und ihre Zuckerkrankheit… *Sternenmond guckt den Mann an – aus dem Augenwinkel antwortet lieber die besorgte Ehefrau* Aber Frau Dokter, kucken se ma, dann hatta imma so´n eingefallnes Gesicht, mein arma Mann und er hat doch imma so ´nen furchtbaren Hunger!
Wissen se, ich hab heute nacht so´n bisschen gekifft, sagen wa ma, an ner Tüte gezogen und dann bin ich wach geworden und hab so´n Stechen in der Brust gehabt. Ich weiß, ich bin erst so Mitte zwanzich, aber ich hab dann ma im Internet gelesen und mein Dokta bei Wikipedia sacht, et könnte auch ma nen Herzinfackt sein. Also hab ich man en Krankenwagen gerufen… is klar oder?
Und dann steht man am Krankenbett und fragt sich, warum man 6 harte, lange Jahre studiert hat, sich unzählige Krankheitsbilder und deren Therapie in den Schädel gehämmert hat, vielleicht noch einige Jahre Berufserfahrung besitzt… wenn man am Ende doch voll abstinkt.
Gegen Frau Müller vonna Fleischtheke.
Heute kam Herr S. zu uns auf die Station. Am Nachmittag, wo bei brütender Hitze ohnehin jede Motivation zum Arbeiten fehlte. Herr S. ist Alkoholiker. Seit einem halben Jahr trinkt er mehrere Flaschen Bier am Tag, manchmal fünf, manchmal zehn. Außerdem hat er noch mehr gesundheitliche Probleme, die nichts mit seinem Alkoholkonsum zu tun haben und weil es ihm insbesondere deshalb zuträglicher wäre aufzuhören, hat er beschlossen einen Entzug zu machen.
Nachdem der Patient auf Station war, dauerte es keine fünf Minuten, da wussten alle Bescheid. Die Schwestern beschwerten sich über den Diensthabenden, der nach einem Pflegefall und einer Übernahme von der Intensivstation jetzt noch so ein Ei auf die Station gelegt hatte. Stationsarzt Wieland verdrehte die Augen und beschwerte sich ebenfalls über den Diensthabenden – und Sternenmond machte mit, weil sie schon genau wusste, wer die unangenehme Aufgabe erhalten würde den Patienten aufzunehmen.
Ich ging also ins Zimmer, bei gefühlten 35° C im Raum und traf auf ein stark schwitzendes, zitterndes Häuflein Elend von ungefähr 40-jährigem Mann, dem seine Flaschen Bier, die er seit dem Abend nicht mehr angerührt hatte, sichtlich fehlten. Zumindest körperlich.
Meine Motivation, diesen Mann anzufassen, war selbstverständlich grenzenlos.
Ich gestehe, ich habe eine Abneigung gegen Alkoholiker. Wenn man ehrlich ist, die meisten von ihnen stinken (nach Alkohol oder anderen Dingen), sind dreckig und von ihrer Persönlichkeitsstruktur auch nicht das, was ich als angenehmen Zeitgenossen beschreiben würde. Dazu kommt mein Unverständnis dafür, wie man sich selbst und unter Umständen seine Familie so kaputt machen kann. Kurz gesagt: Ich mag sie nicht.
Dieser da stank zwar nur nach Zigarettenrauch und Schweiß, aber dafür hatte er überall Schweiß, feucht und glitschig wie die Hand, die er mir gab und ich wollte ihn wirklich – ganz wirklich – gar nicht untersuchen. Aber er guckte mich auch an, mit großen, hilfesuchenden Augen. Ein kranker Mensch, der Hilfe sucht und der hofft, dass ich ihm helfen kann – und helfen werde. Es fällt mir oft schwer anzunehmen, dass sie wirklich krank sind. Nicht vom Verstand her – aber mein Gefühl sagt mir, dass sie doch nur selber schuld sind.
Zu werten steht mir aber nicht zu. Sicher, jeder von uns macht das und zwar immer und zu jeder Zeit. Nur so kann man sich Urteile bilden und Entscheidungen treffen.
Aber man darf sich nicht davon beeinflussen lassen.
Vielleicht haut er ja morgen schon wieder ab und steht in drei Monaten wieder auf der Matte. Aber das ist in diesem Moment nicht so wichtig.
Ich hab mir gedacht: „Schau, dieser Mann ist krank und du kannst ihm helfen.“ – dann ist einfach manchmal doch einfacher als erwartet.
…ein bisschen über die Selbstständigkeit.
Heute war mal wieder einer dieser Tage. Der Assistenzarzt von meiner Station, nennen wir ihn Wieland, hatte Dienst. Wenn Wieland Dienst hat, dann machen wir morgens eine schnelle Übergabe und er gibt mir ein paar Dinge, die ich im Laufe des Tages erledigen soll, ehe er ins wohlverdiente Frei geht.
So auch heute. Um 10 Uhr war er weg und Sternenmond ganz allein auf der Station. (Noch) wohlgemut setzte ich mich ans Diktiergerät, lauschte meiner gefühlten Micky-Maus-Stimme beim Zurückspulen, fabrizierte ein mehr oder weniger gelungenes Diktat (wie gelungen wird man dann morgen sehen) und hoffte auf ein frühes Frei durch vorsichtiges Schleichen aus dem Haus.
Wären da nicht Oberarzt Wolf gewesen, der gegen Mittag entdeckte, dass ich mich des Telefons meines dahingegangenen Stationsarztes bemächtigt hatte – und die Schwestern.
„Du Sternenmond, der Patient möchte was zum abführen, kann er da was kriegen? Du, der Patient hat Schmerzen… kannst du da nicht eben was aufschreiben?“
Nein, kann ich nicht. Der unbestreitbare Vorteil des PJler-Daseins ist, dass man nichts entscheiden muss. Der unbestreitbare Nachteil des PJler-Daseins ist, dass man nichts entscheiden darf.
Sternenmond, du führst ja jetzt für heute die Station. Sicher.
Ich könnte sehr wohl etwas aufschreiben und im Normalfall habe ich sogar eine Vorstellung davon, was ich aufschreiben müsste. Aber gefangen in einem Status zwischen Student und Arzt sein darf ich so was nicht. Das Ende vom Lied ist, dass ich für jeden Mist den Oberarzt konsultieren muss, wenn Wieland nicht da ist. Auch für so etwas Banales wie ein Abführmittel.
Hätte man mich vor dem Anfang des PJ gefragt, hätte ich gesagt, dass ich schon ein bisschen Angst vor meiner Zeit als Assistenzarzt habe. Angst, weil ich mich durch mein Studium miserabel auf den Klinikalltag vorbereitet fühle und Angst, weil eine falsche Entscheidung im schlimmsten Fall tödliche Konsequenzen haben könnte. Angst davor, den Arbeitsalltag nicht bewältigen zu können und nicht zu wissen, was ich tun soll. Respekt habe ich immer noch. Ich glaube, es wird auch noch lange dauern, bis er sich verliert und vielleicht tut er das auch nie komplett. Aber während des letzten Jahres habe ich auch gelernt, wie toll es ist endlich selbstständig Entscheidungen treffen zu dürfen. Ob zum Guten oder zum Schlechten – aber ich darf es und auch wenn ich am Ende dann dafür gerade stehen muss, nach 6 Jahren kann ich endlich selber machen. Es ist so unglaublich lästig, zu wissen, was zu tun ist, aber regelmäßig durch das ganze Haus telefonieren zu müssen, um jemanden zu finden, der die Entscheidung absegnet.
Auch wenn es Adrenalinschübe und Schwitzen bedeutet – ich freu mich, wenn alles vorbei ist und es endlich losgeht – mit dem Erwachsen werden.
… ein bißchen über die Relativitätstheorie.
Gestern haben wir im Bereitschaftsdienst Frau W. operiert. Zum zweiten Mal. Wie es der Zufall so will, habe ich sie Samstag auch schon mal gesehen. Auch im Bereitschaftsdienst und auch im OP. Frau W. ist Anfang 50 und am Freitag gestürzt. Leider etwas unglücklich und dabei hat sie sich die Hüfte gebrochen (eine pertrochantäre Fraktur für alle, die es etwas genauer wissen wollen). Herr Flink, der unfallchirurgische Diensthabene, hat 3 Stunden gebraucht, um alles wieder zu richten.
Gestern hab ich sie wieder gesehen. Sie wurde von der Anästhesie in den OP gefahren, der Bauch so hart gespannt, dass man darauf hätte Schlagzeug spielen können. In der Nase hatte sie eine Magensonde, aus der kontinuierlich der zurückgestaute Stuhl geflossen kam. Frau W. hatte einen Darmverschluss und weil vorn irgendetwas den Weg für den normalen Gang der Verdauung versperrte, erbrach sie schon den gesamten Tag das, was eigentlich am anderen Ende herauskommen sollte. Als Oberarzt den Bauch aufmachte, kam uns der Dickdarm schon entgegen, aufgequollen auf das doppelte seiner Größe und an mehr als einer Stelle schon abgestorben. Nun ist sie um die Hälfte ihres Darms ärmer und wir hoffen, dass die Antibiotika wirken und sie es schafft.
Irgendetwas war komisch an Frau W. und als ich dann in die Krankenakte schaute, wusste ich auch was. Frau W. hatte Brustkrebs. Auf beiden Seiten. Und auf beiden Seiten musste man ihr die Brüste amputieren. Jemand hat danach, nachdem sie Chemo und Bestrahlungen überstanden hatte, versucht mit Silikonimplantaten halbwegs etwas zu retten, aber er war nicht sehr erfolgreich. Tatsächlich sieht das Ergebnis furchtbar aus. Unweiblich. Unglücklich.
In der Akte steht außerdem: Reaktive Depression mit Zustand nach Suizidversuch. Erschreckend? Verwerflich?… Verständlich?
Und nun liegt sie wieder da, todkrank auf der Intensivstation.
Und dann frag ich mich… wenn wir glauben, uns geht es jetzt wirklich schlecht… wie schlecht geht es uns da wirklich?
Ich bin krank. Vielleicht ist es Krebs.
Zumindest hat der Doktor das gesagt. Glaube ich… weil so ganz sicher bin ich mir doch nicht. Er war so schnell wieder weg und nun haben sie ganz viele Dinge mit mir gemacht. Untersuchungen und so. Die kommen so schnell und ich bin kaum wieder aufgewacht, da bringen mich die Schwestern wieder woanders hin. Sie haben mir auch so einen Schlauch in die Blase gemacht mit einem Beutel dran, obwohl ich doch gesagt hab, ich kann noch zur Toilette gehen. Es dauert nur ein bisschen länger als früher. Aber irgendwie haben sie nicht zugehört.
Letztens war der Herr Professor da und mit ihm ganz viele andere… ob das auch Ärzte waren? Ich hab im Bett gelegen und er hat mit die Hand geschüttelt und dann haben sie alle um mich herum gestanden, so dass ich zu ihnen aufsehen musste. Wie ein Tier im Zoo hab ich mich gefühlt. Der Doktor, der ab und zu zu mir kommt, war ziemlich nervös und hat dem Professor irgendetwas erzählt, so schnell er nur konnte. Ich glaub, es ging um mich, aber ich weiß es nicht so ganz genau, weil ich nichts verstanden hab. Er hat dann ein bisschen genickt und mir dann alles Gute gewünscht und dass der junge Herr Doktor schon alles regeln wird.
Manchmal fühl ich mich so allein hier… aber das würd ich natürlich niemandem sagen. Meine Tochter hat doch die Kinder zuhause und sie sollen sich nicht sorgen. Ich will doch niemandem zur Last fallen. Also lächel ich und tu so, als wär alles wie immer.
Ich würd den Doktor auch gern fragen, was eigentlich so genau mit mir los ist… aber der hat nie Zeit. Ich glaub, er muss ziemlich viel arbeiten und ich brauch doch manchmal ein bisschen, um etwas zu verstehen. Und wenn ich ihn dann frag, dann lächelt er fahrig und tätschelt mir die Hand. So als wär ich blöd. Ich weiß, er meint das nicht so, aber ich fühl mich dann elend.
Ich hab Angst.
Aber niemand hat Zeit hinzusehen.
…ein bisschen über den Tod.
Er begegnet einem ziemlich oft, wenn man in einem Krankenhaus arbeitet, manchmal mehr, manchmal weniger, aber präsent ist er immer und man kommt eigentlich kaum umhin sich ein paar Gedanken darum zu machen. Das ist vielleicht der erste Gedanke: Die meisten Menschen machen sich kaum welche. Der Tod wird totgeschwiegen. Seltsam nicht? Das einzige, was uns alle einholen wird, irgendwann und wir schieben den Gedanken soweit wir können von uns fort. Schon das Älterwerden ist eine Bedrohung, bekämpft mit Faltenunterspritzung, Botox und Silikonimplantaten. Als könnte man ihn dadurch von sich fernhalten… als würde der Tod sich für die äußere Hülle interessieren.
Der Tod ist der Feind. Bekämpfe ihn mit allen Mitteln. Wo der normale Mensch ihn mit den Mitteln der plastischen Chirurgie von sich fern zu halten versucht, tun wir es mit den Kräften der modernen Medizin. Dabei stimmt das gar nicht. Zumindest ist es das, was ich glaube.
Irgendwann, und das klingt jetzt hochphilosophisch, wandelt sich der Tod – vom Feind zum Erlöser. Manchmal kommt dieser Punkt sehr spät, in der Pädiatrie zum Beispiel. Manchmal kommt dieser Punkt relativ früh… und dann wissen es die Patienten meist früher als man selbst. Lebensmüde nennt man das. Manchmal muss man loslassen können – und das ist mitunter sehr schwer. Besonders für die Angehörigen (und ich weiß, dass es mir in diesem Moment ähnlich ergehen würde), aber auch für uns, die sie begleiten. Der Verstand verliert einfach manchmal doch gegen das Herz.
Ich erinnere mich noch sehr genau an eine alte Patientin auf der Intensivstation. Sie hatte ein Geschwür im Magen, das nach und nach unbemerkt ein Loch in die Magenwand gefressen hatte – und als man es merkte, war es schon zu spät. Sie lebte noch, bis zur Unkenntlichkeit aufgequollen von Infusionen und ihrer Blutvergiftung, weil wir ihr unaufhörlich kreislaufstabilisierende Medikamente gaben. Und irgendwann, als abzusehen war, dass sie sich niemals wieder erholen würde, gab ihr Ehemann nach knapp 50 Ehejahren unter Tränen die Einwilligung ihrem Leid ein Ende zu setzen. Er wollte nicht dabei sein, nachdem er sich verabschiedet hatte, also blieben wir, der Oberarzt und ich und stellten die Medikamente ab. Ich habe noch nie jemanden so schnell sterben sehen. Und obwohl es richtig war, war es furchtbar zu sehen, wie der Ehemann seine Angst vor dem Alleinsein für seine Frau in einem letzten Akt der Liebe überwandt und sie sterben ließ.
Wäre ich allein gewesen, ich hätte geheult.
Manche werden jetzt sagen, daran gewöhnt man sich und das ist sicher richtig. Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich das möchte. Denn solche Erlebnisse machen mir immer wieder nachdrücklich klar, wie wertvoll ein Menschenleben ist – und dass, obwohl es für uns vielleicht nur irgendeine alte Omi ist, es für jemand anderen ein geliebter Mensch war, dessen Verlust unendlich schmerzt.
Dass jeder Mensch Respekt verdient.
Und dass ich ganz am Ende, wenn es soweit ist, ohne Angst auf ihn warten kann.

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